Wie oft sah ich diesen Sonnenuntergang, einen Freund meines Staunens und meines Träumens, meines Ruhigseins jeden Abend - Er war umrahmt aber nicht mit Eichen und Tannen, sondern mit Irokos und Palmen und bildete den Hintergrund zu meiner Kindheit am Äquator. Nie hätte ich gedacht, daß Jahrzehnte später eben er mein Halt und mein Trost sein würde, meine Orientierung hier oben im Norden - Wo weder der nördliche Stern noch die Nordlichter mir den Weg nach Hause weisen konnten, hast Du - schöner Sonnenuntergang - mich zu mir zurück geführt, umrahmt von Tannen und Eichen und langsamer geworden aber Du bist es noch. Du bist es noch. Kinder erkennen immer ihre Freunde. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Selbstreflexion
DIE VERLORENEN JAHRE
Wo war ich die ganzen Jahre? Ich frage mich jetzt noch. Perplex. Die meisten Menschen, die wir täglich sehen, sind tatsächlich verschwunden. Hex hex! Du denkst, daß Du lebst, weil Du da bist; und da bist, weil Du lebst. Doch vermisst Du Dich selbst spürbar. Dein Bewusstsein ist kein bewusst sein mehr, nur ein Reflex. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TEL AVIV
Palmen wehen wedeln winken im Wind tauchen in der Ferne auf Psalmen singen ringen klingen in meinem Herzen drin tauchen aus einer Erinnerung aus an die ich mich nicht erinnern kann. Ich suche mein Gedächtnis gründlich ab wandle wie in einer Wüste mit Wanderstab von einem zum nächsten leeren Grab… Der Geist wanderte aus ihnen schon lange aus; kehrt er zurück, angezogen, dann als neuer Mann. Die Straßen Tel Avivs sehen aus wie die Straßen von Hunderten von Großstädten der Welt, voller menschelnden Menschen in der Art von Hier und Jetzt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung




AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (1)

Meine Kinder, Ihr seid mehr, weit mehr, als Ihr denkt. Seid nicht entmutigt, wenn Eure Gesellschaft hin und her schwenkt, unsicher darüber, was sie gemeinsam und einzeln von Euch hält, und in welche Schublade Euch zu stecken ihr am bequemsten gefällt. Ihr seid meine Kinder - Das ist mehr, als Ihr jetzt begreift. Eure Wurzeln sind tiefer, als jede Farbe, die über Euch streift. Sie verankern Euch in dem Anfang unserer Menschenwelt und werden Euch halten, egal was die Welt Euch in den Weg stellt. Nicht leben ist wichtig, sondern würdig leben und stolz sterben. Leistet ewig Widerstand, wenn versucht wird, Euch zu enterben unseres höchsten Guts und ältesten Guts als Menschheit: Euer tiefes Selbstvertrauen, Euer Geistes Wissen der eigenen Fähigkeit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE GLÜCKSFALLE
Ob Ihr es je verstehet, Ihr, die mich jetzt zum ersten Mal sehet, wie offen einst ich war, jedes Wort wahr, meine Seele ein See glasklar. So offen, so vertrauend, so ehrlich, Ich erinnere mich, meine Mutter fürchtete sich für mich und sagte mir sorgenvoll endlich: Sohn… diese Welt… schütze Dich. Und als die Schläge kamen, langsam lernte ich, Vorsicht sei tatsächlich ratsam- Doch mit Vorsicht kamen Masken und Mistrauen; Gift, denn meine Stärke kam eben vom Vertrauen. Jetzt lebt jeder lang und sicher und unglücklich in seinem Käfig und fragt sich nachdenklich, ob es doch nicht ratsamer ist, ungeschützt und offen zu leben, egal die Frist. Gerne würde ich das Gedicht hier beenden, liesse das Glück ohne Schutz sich wirklich fänden.. Tut es aber nicht, das wissen wir alle - Der Weg zum Glück birgt in sich diese Falle. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNTERBELICHTUNG
Überbelichtung. Die ganze Welt wohnt im Netz Minus die ganze Welt Ich suche nach dem passenden Filter um die Mitmenschen auf der Straße klarer zu sehen. Verdunkelt. Erhellt. Doch sie sind zu wie Bücher Und zugänglich wie Bücher Anders ehrlich, anders verstellt. Wer ist der echte Mensch? Analog Oder digital? - Es kommt darauf an Welche Maske, Dir besser gefällt. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ICH WEISS ES NICHT
Wie kann ein Mensch so viele Menschen sein? So viel am Kämpfen sein mit sich Selbst? Wie kann ein Jahr so viele Jahreszeiten sein? So viele Kalenderseiten sein in einem Etat? Wie kann das Weltmeer So viele Meere sein? So voll mit Leere sein und mit Leben schwer? Mit wie vielen Menschen bin ich verheiratet? Wie viele Eltern hatte ich? Mit wie vielen Liedern ist meine Gitarre besaitet? Schon wie viele Leben hatte ich? - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DANEBEN
Für wen gehe ich diesen Weg? Denn ich habe das Gefühl, ich gehe ihn nicht für mich. Für wen stehe ich schräg? Denn ich weiß ganz genau, ich verliere dabei mein Gleichgewicht. Für wen trage ich dieses Gepäck? Denn nichts, was drin ist, macht mich glücklich. Wessen Gedanken habe ich gelesen? Denn ich habe sie in meinem Kopf gesehen aber sie gehören mir nicht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HINTER VERSCHLOSSENEN VORHÄNGEN
Ich öffne meine Seele wenn ich meine Vorhänge schließe Wenn keiner mich sieht bin ich am sichtbarsten Wenn ich verschlossen bin bin ich am durchsichtigsten. Nachts, wenn die Welt dunkel ist sehe ich am klarsten. Keine Stimmen trüben mich Keine Augen bedrücken mich Keine Gedanken belügen mich - Da bin ich am Wahrsten. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNERFÜLLT
Ich muss allerdings gestehen Es fällt mir heute nichts ein Ich habe nichts Neues gesehen War den ganzen Tag allein Nicht ich der Mensch äußerer Gesichter - Sondern ich der innere Dichter. Wie ein Ich in meinem Ich saß ich Und sah mich vieles machen Manchmal ernst, manchmal spaßig Unterwegs mit meinen sieben Sachen - Und ich merkte nicht, daß ich mich beobachtete, Bis der Abend dämmerte und ich erwachte. So wenig leben wir, während wir leben, Das lebendige Ich versteckt sich. So wenig geben wir, wenn wir geben. Das lebendige Ich entdeckt sich erst am Ende seiner langen Lebensreise - Ein Junge unerfüllt im sterbenden Greise. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
