ERGÄNZUNG

Wenn es etwas in mir wär,
das latent und schlummernd ist
und mein Verstand es vergisst…

Etwas, was komplett anders ist,
als das, was ich alles sonst bin,
und bestünde fast aus anderem Sinn

Eine verborgene Macht in mir drin
darauf wartend, geweckt zu sein,
flüsternd „Ich bin Dein, Du bist mein

ergänzendes Teil – Wir sind nicht allein.“
Wenn diese in mir wohnende andere Art
Form nehme würde, wäre sie zart,

zärtlich stark, weich, denn ich bin hart.
Es hätte Deine Art, das Gegenteil von mir –
Sähe aus und wäre wie Du ungefähr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MUTTERMEER

Das Leben stieg aus dem Wasser heraus
Und machte sich auf dem Lande Zuhaus –
Und jeder See,
an dem ich sinnend steh –
Jeder Fluß,
an dem ich entlang laufen muß –
Am Meer,
am besten Strand ernst und leer –
spüre ich, wie das Leben in mir
zurück gezogen wird, Geburtsort, zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FENSTER UND SPIEGEL

Die Augen des Fremden.
Sind sie Fenster oder Spiegel,
wenn die Blicke ihre Siegel bersten?

Spiegel sind schön und wichtig.
Wie sollen wir sonst uns selbst entdecken?
Vielschichtig wie wir sind
und spielen immer, innere Kinder, Verstecken.

Doch manch ein Spiegel war kein Spiegel,
war immer ein Fenster,
Aus- und Einblick entriegelt, ungeregelt
verwirrend in eine andere Welt,
verirrend aus und einsteigen, gefesselt.

Nur… was, wenn das Fenster die ganze
Zeit doch nur ein Spiegel war?
Dann bist Du mein Zuhause, schön geheuer.
Nur… was, wenn der Spiegel die ganze
Zeit doch nur ein Fenster war?
Dann bist Du mein rufendes Abenteuer.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MICH BEHAUPTEN

Als ich nach Deutschland kam,
starb ich –
Wie eine umgepflanzte Blume,
verdarb ich –
Um Verbindung als Gleichart vergeblich
warb ich –

Als Gespenst mitten in der Menge
stand ich –
Unsichtbar als Ich, und als Mensch
verschwand ich –
Trost bei weder Weiß noch Schwarz
fand ich –

Bis keine Farben mehr, keine Labels
sah ich –
Erst dann wie ein Ereignis mir selbst
geschah ich –
Nach dem langen Weg, wo ich verlor
beinah Ich
War ich es doch, der mich erfüllen musste –
Ja, ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN RUHIGER INNIGER TAG

Gestern war ein fauler Tag,
mehr Gefühl als Getue
Ich lag reglos träumend im Bett
wie eine Freiheitsstatue

Und viele Gedanken, wie Früchte,
fielen von mir ab
Viele Gewichte und viele Ängste
wie Schweiß rollten herab

Ich weiß nicht, warum ich Gedichte schreibe
in einer Fremdsprache jede Nacht –
Das Ureigenste tief in mir
ist aus fremdem Kern gemacht.

Gestern war ein reger Tag,
mehr Empfindung als Entspannung
Ich eilte durch mein ganzes Leben
und fand Selbsterkennung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAF GUT

Ich denke, wenn ich schlafe
Deshalb schlafe ich so gern
Ich schlafe mit wirren Gedanken ein, und
wache auf mit Klarheit in meinem Gehirn.

Denn Ihr wohnt alle in mir,
die ich einmal gehört hab
Ich brauche nur Stille, Schweigen, Ruhe
um Euch zu hören hinter Eurem Grab.

Da lebt Ihr, wo der Tod tot ist
Wo das Leben schon lange lebt
Und manchmal, wenn ich angeblich wach bin,
habe ich den Eindruck, mein wahres Ich schläft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPIEGELVERKEHRT

Hast Du jemals Dich gefunden?
Hast Du Dich wieder erkannt?
Oder warst Du von Dir überrascht?
Und hast Dich mit anderem Namen genannt?
Oder doch mit Deinem. Denn mit Fremdem
bist Du innerlich tief verwandt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFALT DER MENSCHHEIT

Wir sind so verschieden –
Fünf Hautfarben genügen nicht,
um Vielfalt zu wiedergeben.

Ein Regenbogen reicht nicht aus,
um unsere Lichter zu widerspiegeln,
wenn wir uns der Sonne öffnen.

Wir sind aus verschiedenen Empfindungen geboren,
aus unterschiedlichen Gedanken gekleidet
und verkörpern jeder ein einzigartiges Bewusstsein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MINDERHEIT

Wie viele sind wir,
die so wenig sind?
Übersehen, wenn wir stehen,
als wäre die Gesellschaft blind.
Angefeindet, wenn wir aufstehen,
ein Leben im Gegenwind.
Sofort erwachsen werden! –
Hier überlebst Du nicht als Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAUSEND FÄDEN

Es wachsen so viele Blumen in meinem Garten
Ich weiß nicht, wo sie alle herkommen
Aber ich spüre, daß sie alle auf mich warten

Und geduldig sind sie, ich weiß nicht warum
Sie haben, jede, ein Teil von mir in Besitz genommen
Sie polstern meine Gefühle, innerlich stets um mich herum

Ich dachte an die im Tal, als ich den Berg erklommen
Dachte an die am Ufer, als ich im Fluß geschwommen
Und die Berg und Fluß Blumen flüsterten: er wird zurück kommen.

Wie viele Leben muß man leben,
um ein Leben zu Ende zu leben?
Wie viele Leben kann man in einem Leben
zu Ende leben?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung