HALLO WIEDER

Ich war lange tot
Doch keiner merkte es
Denn ich liebte und lachte
Und dichtete, was ich dachte

Ich war kein Schauspieler
Ich war kein Lügner, ne
Ich war ein Schlafwandler
Ein Traumleugner

Ich war tot und wollte nicht sterben
Also lebte ich weiter
Als Schatten meines Lebens –
Den Schatten kann nur der Lichtere werfen

So leicht ist es, als Geist unbemerkt
zu wandeln unter Freunden und Fremden –
So leicht ist es, als Leiche liebend
mit lebenden Lustwandlern zu liegen

So leicht ist es, zurück zu lehren ins Leben
Und keiner merkt, daß Du jahrelang
weg warst. Lange Zeit nicht gesehen,
willst Du sagen. Doch Du sagst stattdessen:

Hallo. Hallo wieder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KINDERSTIMMEN

Kinderstimmen
Ein paar Stunden abends
bevor sie ins Bett verschwinden

Kinderstimmen
Ein paar Jahre eilends
bevor sie aus dem Haus ausziehen
und als Erwachsene zu sich finden

Kinderstimmen
stehend bleiben nirgends –
Dein Herz ist ein Schlafzimmer
Es war einmal ein Kinderspielzimmer –
Kannst Du des Kindes Stimme noch empfinden?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN LEBEN KURZ EIN LEBEN LANG

Manch ein Mensch
lebt bis ins hohe Alter
nur um zu erfahren, daß
er bereits als Kind starb
und sein ganzes Leben lang
tot war.

Manch ein Mensch lebt lang genug
um zu begreifen, daß sein Leben kurz war.

Doch manch einer überlebt seine Kindheit,
gestärkt durch Liebe oder gewonnenen Kampf
und selbst wenn er jung stirbt,
hat er länger gelebt als alle anderen –
und länger noch wird er leben…
ein Licht für alle Ewigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER MITMENSCH ALS SPIEGEL

Manche Menschen ändern sich
wie das Wetter
Mal sind sie abweisender,
mal matter, mal netter –
Ich stehe schweigend am Fenster meiner Seele
beobachte sie von Innen
wie sie draußen mit jeder neuen Begegnung
der Welt begegnen wie mit neuen Sinnen.

Ich kann mich nicht sehen
Ich kann nur andere beobachten
Das Gesehene sei mir der Spiegel,
um auf meine Schwankungen besser zu achten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FASSADEN

Spieglein, Spieglein, Du bist eine Wand –
Du trennst mich von meinem Innenland.
Hinter meiner Fassade, unsichtbar, wohne ich,
jenseits Deiner Fassade, sichtbar und ohne Dich.

Alles zeigst Du und nichts.
Die Hälfte eines Gedichts,
geraubt seines Gleichgewichts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS SIE MIR ERZÄHLEN

Wasser
Glocken
Stille
Wachstum
Weiblichkeit
Licht
Schwert

Ich könnte weiter meine Inspirationen aufzählen –
Aber nein, denn wichtiger ist, was sie mir erzählen:

Mensch, Du bist Deines Schicksals Verfasser
Gib Dir Mühe, um es nicht zu verbocken
Verfolge dem Guten mit fließend eisernem Wille
Liebe – Liebe ist Reichtum
Weiblichkeit ehren ist Männlichkeit
Und wenn Dein Herz bricht
findest Du drin den Schatz mit dem höchsten Wert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTGESPRÄCHE

Diese Gespräche abends
mit Erinnerungen in meinem Herzen
mit Hoffnungen, mit Sehnsüchten,
mit Reue und Nachdenken und Schmerzen.

Gespräche mit toten Freunden
mit Vorstellungen und Möglichkeiten
mit ner leeren Leere in Deiner Mitte
mit alternativen Selbstdarstellungen

mit Menschen, die weit weg sind
mit Träumen, die nie weg waren
mit dichten Gedanken und losen Empfindungen
Diese abendlichen Selbstgespräche

Für sie lohnt es sich, zu leiden
zu lieben, zu leben, zu verlieren –
Denn in diesen Momenten hörst Du,
hervorgelockt, Deine innere Stimme.

Che Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ANDERE UFER

Silbrig wie ein Spiegel
lag und lauschte der Fluß da
regungslos wie ein unerfüllter Traum
verschwand er in die Ferne
und war immer noch da

Eine Nebelwolke schwamm über das Wasser
wie eine Armee von Laufboten
nur verstand ich ihr Geflüster nicht
bis sie seufzend sich löste und ich sah
auf dem anderen Ufer mein zweites Ich.

Ich sprach zu mir
doch ich hörte mich nicht
von der anderen Seite des Flusses –
Wir starrten uns wortlos an, ich und ich,
getrennt durch unerfüllte Träume.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUCH DU BIST EIN BAUM

Der Baum stand da
im Regen und in der Sonne
und sagte zu mir
Ich biete Schutz und Schatten an
Ich bitte und bettle selbst nicht
um Schutz und Schatten –
So viel Stolz habe ich.

Und ich antwortete
Aber Du brauchst auch Schutz –
Und der Baum sagte zu mir
Das ist Deine Sorge
Mich interessiert das nicht
Denn auch Du Mensch bist ein Baum
So viel Stolz musst Du haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAUE HAARE

All die Jahre waren Haare,
üppig und schön gemacht –
wurden grau und dünn und wenig
und jetzt sind sie weg

Nun steht die Zeit still
wie eine Glatze, widerspiegelt
das endlose Warten auf einen Zug,
der schon abgefahren ist.

Und die stille Zeit
wie die Stille Nacht
wird zum tiefen Meer der Erinnerung
und des Schöpfens ewiger Jugend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung