IDENTITÄT

Wenn Du nirgendwo Zuhause findest
weder Zuhause noch in der Fremde –
Und alles, was Dich mit Menschen einigt,
Dich von ihnen trennt;
Und alles, was Dich von Menschen trennt,
Dich mit ihnen verbindet;
– begreifst Du warum es so aussieht,
als würde die Sonne im Winter frieren
und im Sommer schwitzen…
Weil Du bist alle Wege sehnend mitgegangen,
doch Dein Geist blieb immer im selben Innenraum
Unberührt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN LETZTES MAL

Wird die Welt ruhiger
oder ich?
Wird die Natur herber
oder ich?
Wird die Erde reifer
oder ich?

Dennoch rast ein Brand durch den Wald
Die roten Blätter innen heiß, außen kalt
Ein letztes Mal lachen, denn Winter kommt bald.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZ-KOPF-INTERNET

Ich stieg heute
kurz
aus meinem Geist
in meinen Verstand und merkte sogleich
daß der Kopf Jahrelang Pläne gemacht hat
die keinerlei Bezug hatten
zu dem tatsächlichen Verlangen in der Seele.

Das Gehirn ist so realitätsfern.
Hat keine Ahnung, was im Herzen los ist.
Was ich wirklich will
Wer ich wirklich bin
Tief in mir

Wie zwei Menschen
in zwei unterschiedlichen Ländern
ohne Internetverbindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERWARTUNG

So lang im Warten gelebt
Es ist mehr als Warten
Es ist Wartung

Denn es ist eine Mischung
aus Schmerz und Wachstum
und Erwartung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERNST

Es gibt diesen Punkt,
den ich jeden Tag
einmal am Tag suche ,
heimlich besuche..

Nicht die Freude,
so sehr ich sie brauche
aber ich kann mal auf sie verzichten,
getröstet von meinen Gedichten.

Nicht die Liebe,
obwohl sie mein Motor ist –
Nicht die Ruhe oder die Hoffnung
und nicht Erinnerung.

Nein. Es ist die Ernsthaftigkeit:
Denn einmal täglich
muß ich mit mir selbst ehrlich sein –
dann ist alles fein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINBRUCH

Herbst bricht ein
wie ein Dieb in der Nacht –
Stiehlt uns unsere Jugend.
denn er will uns zeigen, wie bunt
das Reifsein auch sein kann
bei aller Nacktheit.

Reif sein ist schön –
Schön der Schmerz
Schön die Reue
Schön die Stärke
Schön die Zerbrechlichkeit
Schön die Ruhe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICH KENNEN

Kennst Du –
Wenn Du weißt, was Kennen ist –
jenes undeutliche
eigentlich uneindeutige
und deshalb unartikulierbare Gefühl,
etwas nicht zu kennen, was Du kennst?

Ein Familienmitglied,
mit dem Du groß geworden bist –
Einen Partner,
mit dem Du alt geworden bist –
Ein Volk, in dem Du geboren und sozialisiert
oder mit dem Du eng geworden bist –

Am Merkwürdigsten ist es aber
wenn das, was Du kennst
und nicht kennst,
Du selbst bist.
Wenn Du weißt, was Kennen ist,
kennst Du das.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WANDLUNG

Welk hängen die letzten Gedanken der Bäume
wie vergilbten Blätter voller alten Gedichte
gesungen in Liebe einst
an reif gewordene Triebe.

Manche Bäume sind bereits gelb
Ich habe den Wandel nicht gemerkt
Manche Träume freuen sich auf den Herbst
Manche sind am Sommer hängen geblieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄLTER UND JÜNGER

Am Anfang fühlte sich Deine Hand
alt, uralt, bekannt, wie eine Erinnerung
von einer Zeit älter als meine Erinnerung
– deshalb hielt ich sie fest, Deine Hand.

Am Ende fühlt sich Deine Hand
neu, frisch, wie eine Verheißung
einer Zeit längst nach unserer
– deshalb halte ich sie fest, Deine Hand.

Als ein altes Ehepaar fingen wir
in unserer Jugend an.
Das Leben veränderte uns.
Als ein junges Ehepaar werden wir alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENZUG

Er zog die Maske runter
zog einen tiefen Atemzug in sich hinein
setzte sich in den Zug
lehnte den Kopf gegen das Sitzpolster
schloss die Augen

Und reiste in die Vergangenheit
während der Zug in die Zukunft fuhr
sich den Weg durch die Gegenwart bahnend
Die Reise zog sich in die Länge
und fand erst gegen Ende der Fahrt ein Ende

Er atmete aus
setzte seine Maske wieder auf
öffnete die Augen und verließ den Zug
Doch ob es die Augen der Maske war,
oder seine eigenen, die er öffnete?

Das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung