DICH KENNEN

Kennst Du –
Wenn Du weißt, was Kennen ist –
jenes undeutliche
eigentlich uneindeutige
und deshalb unartikulierbare Gefühl,
etwas nicht zu kennen, was Du kennst?

Ein Familienmitglied,
mit dem Du groß geworden bist –
Einen Partner,
mit dem Du alt geworden bist –
Ein Volk, in dem Du geboren und sozialisiert
oder mit dem Du eng geworden bist –

Am Merkwürdigsten ist es aber
wenn das, was Du kennst
und nicht kennst,
Du selbst bist.
Wenn Du weißt, was Kennen ist,
kennst Du das.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WANDLUNG

Welk hängen die letzten Gedanken der Bäume
wie vergilbten Blätter voller alten Gedichte
gesungen in Liebe einst
an reif gewordene Triebe.

Manche Bäume sind bereits gelb
Ich habe den Wandel nicht gemerkt
Manche Träume freuen sich auf den Herbst
Manche sind am Sommer hängen geblieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄLTER UND JÜNGER

Am Anfang fühlte sich Deine Hand
alt, uralt, bekannt, wie eine Erinnerung
von einer Zeit älter als meine Erinnerung
– deshalb hielt ich sie fest, Deine Hand.

Am Ende fühlt sich Deine Hand
neu, frisch, wie eine Verheißung
einer Zeit längst nach unserer
– deshalb halte ich sie fest, Deine Hand.

Als ein altes Ehepaar fingen wir
in unserer Jugend an.
Das Leben veränderte uns.
Als ein junges Ehepaar werden wir alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENZUG

Er zog die Maske runter
zog einen tiefen Atemzug in sich hinein
setzte sich in den Zug
lehnte den Kopf gegen das Sitzpolster
schloss die Augen

Und reiste in die Vergangenheit
während der Zug in die Zukunft fuhr
sich den Weg durch die Gegenwart bahnend
Die Reise zog sich in die Länge
und fand erst gegen Ende der Fahrt ein Ende

Er atmete aus
setzte seine Maske wieder auf
öffnete die Augen und verließ den Zug
Doch ob es die Augen der Maske war,
oder seine eigenen, die er öffnete?

Das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHULD

Am meisten fällt es mir schwer,
mich zu ent-schuldigen,
denn es fällt mir schwer,
mich von meiner Schuld zu trennen.
Sie ist das einzige, was mich
an mein altes Selbst noch bindet,
das mein besseres Selbst war,
mein freieres Selbst war,
mein ehrlicheres Selbst war –
mit und ohne Schuld.

Und dennoch:
Alles Tote muß beerdigt werden.
Meistens mit Schmerzen im Herzen.
Meistens mit Tränen – denn
Dich von Deiner Schuld trennen, ist
Dich von Jemandem zu trennen,
der einst Dein bester Freund war und jetzt
nur noch ein Fremder ist.
Wenn ich mich bei Dir entschuldige,
trenne ich mich von meinem alten Ich.

Und das tut weh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HUNDERT EMPFINDUNGEN

Was ist das,
wenn hundert Empfindungen
mein Herz durchwühlen
und tausend Gedanken
meinen Kopf beschäftigen
und doch am Ende
kein Wort mir über die Lippen kommt.

Du schaust mich an und fragst mich
Was ist los?
Woran denkst Du?
Ich schaue Dich an
Ich ringe lang nach Worten
Und antworte Dir dann, ehrlich…:
„Ach… nichts.“
Nichts, was ich in Worte fassen kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGESSEN

Wie oft muss ich schon gestorben sein,
daß ich Deinen Namen vergessen konnte,
die Du einst meine Sehnsucht gewesen warst,
als ich in Deiner Sehnsucht mich sonnte?

Mehrere Menschen liegen zwischen mir und Dir,
mehrere Leben, mehrere Gräber – und jedes verblich;
Mehrere Geschichten, Entfernungsschichten…
Und jedes davon war auch Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STARK UND SCHWACH

Unsere Schwächen so oft
sind das Stärkste in uns

Unsere Stärken so oft
sind das Schwächste in uns

Wo sie sich treffen, entsteht
das Rätsel unserer Kunst,

unserer Widersprüche und Geheimnisse,
unseres Lassens und unseres Tuns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABER WIE BIST DU INNERLICH?

Ein Künstler schuf
aus der Tiefe seines Geistes
ein besonderes schönes Kunstwerk,
das ihm Ruhm und Reichtum brachte –

Doch kaum fand er Erfolg,
setzte er sich daran, ihn zu verteidigen,
und wurde in seiner Verbissenheit
zunehmend häßlicher…

Und je schöner sein Werk wurde
in den Augen der Menschheit,
desto häßlicher wurde seine Seele,
vor allen Augen verborgen.

Von allem trennen wir uns –
unseren Geliebten, unseren Werken,
unserem irdischen Eigentum…
doch unsere Seele behalten wir bis zum Schluss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM NACHHINEIN

Wir wählen selbst unser Gefängnis
Schließen die Tür
Werfen den Schlüssel weg –
Und fangen an,
unsere Gefangenschaft zu beklagen.

Wir treffen selbst unsere Entscheidung
Gegen allen Rat
Und wenn es unumkehrbar wird,
fangen wir an
unsere Entscheidung zu hinterfragen.

Wir beschließen als Kinder Sachen,
die wir als Erwachsenen halten sollen,
wenn wir keine Kinder mehr sind
und die Dinge jetzt anders sehen –
müssen aber die Konsequenzen nun ertragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung