DIE SELBEN AKTEURE

Was hat ein Politiker
in der Welt der Poesie zu suchen?
Dichter erzählen ja für gewöhnlich die nackte Wahrheit.

Was hat ein Musiker
in der Welt der Wirtschaft zu suchen?
Ökonomen interessieren sich für Dein Geld,
nicht für Deine Seele.

Was hat der Otto Normalbürger
In der Welt von Entscheidungsträgern zu suchen?
Sie denken
Sie hören ja nur auf Lobbyisten.

Bis ich genauer hinsah
und sah: Es war die ganze Zeit
der selbe Mensch, mal im Anzug,
mal in Jogginghose, mal als Frau, mal als Mann,
Mal als Ausländer, mal als Einheimischer,
Mal als Wahrhaftiger, mal als Lügner.
Ich sah die ganze Gesellschaft in Dir
Und Dich in jedem Fremden auf der Straße.
Und die Stadt war mir vertraut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FEINE KRAFT

Ich höre
über weite Distanzen
die Stimmen von Freunden

Egal wie leise sie klingen
übertönen sie
den Lärm von Feinden

Die Liebe verstorbener Geliebten
schützt mich immer noch vor dem Haß
aller als lebendig geltenden Toten.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUTES HEIM

Die Kinder wachsen
auch in meinem Herzen
sie nehmen Raum

Der Vater wächst
auch in meinem Herzen
er wird zum Stammbaum

Unser Zuhause wächst
denn Du bist in meinem Herzen
meine Liebe, mein Weib, mein Traum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WO WAREN WIR

Wo waren wir
als wir nicht da waren
während der Zeit
als wir zusammen waren

Wir lebten zusammen
und waren die ganze Zeit getrennt
Und die Welt war nicht groß genug
um unserer Trennung Raum zu geben

Doch heute sind wir
eine Gesellschaft, eine Nation
leben zusammen in einem Land
und reden immer noch nicht miteinander

Oder reden über tausend Dinge
und schweigen über tausendundeine
Nur wenn wir küssen, dann
tauschen unsere Zungen die Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN MEINE FRAU

Meine Tischlampe steht neben mir
wie ein Mensch mit warmen hellen Gedanken
Unaufdringlich durchdringt sein Leuchten
mein Sinnen. Ohne mich bei ihm zu bedanken
genieße ich den Anblick meiner erreichten Ideen
die ich nie hätte ahnend gesehen
ohne seine ruhige Anwesenheit in meinem Leben –
Wie die besten Partner in den schönsten Ehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFPUNKT DER NATION

Irgendwo müssen wir uns doch treffen

Wenn nicht in der Musik, dann
in der Sprache
Wenn nicht in der Wirtschaft, dann
im Sport
Wenn nicht in der Kultur, dann
in der Geselligkeit
Wenn nicht in der Geschichte, dann
in unserer Hoffnung
Wenn nicht in Schmerz und Freude, dann
in Neugier und Sympathie
und Solidarität
Wenn nicht in der Vergangenheit,
oder in der Gegenwart, dann
in der Zukunft

Irgendwo müssen wir uns doch treffen
als Nation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WACHSENDE FREUNDSCHAFT

Freundschaft
Ein Sohn, der zu seinem Vater hoch schaut
und in ihm einen Freund sucht –
Wenn ihm die Zeit eines Tages den Vater klaut
Hinterlässt sie zwischen ihnen die Frucht der Sehnsucht:
Die Männerfreundschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN STINK NORMALER ABEND

Kinderstimmen wie Straßenschilder
Ihr Lachen wie Laternen in der Nacht
Ihre Augen spiegeln vergessene Bilder
aus meiner Vergangenheit aufgewacht

Auch ich habe einst so glücklich gespielt
mit einem Bruder – der lebt nicht mehr.
Im Wirbelsturm der Erinnerung aufgewühlt
wird mir das Schwere leicht und das Leichte schwer.

Der heutige Abend ist so stink normal
Ihr werdet ihn wahrscheinlich vergessen –
Und doch ist Normal dafür ideal,
zu bleiben für immer unvergessen.

Ein Wort wird reichen, oder ein Lied
Ein Lachen, ein Geruch, der Euch mit uns verband –
Nach dem Euer Elternpaar lang verschied
und dieser Alltag für immer verschwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIERUNDZWANZIG STUNDEN

Was würde ich nicht geben, um
eine fünfundzwanzigste zu bekommen

Noch eine Stunde mit meinen Kindern
und mit meiner Frau mir gönnen

Alles, was mir die restlichen vierundzwanzig haben genommen –

Es sei: Wir holen uns jetzt DIESEN Moment
und nehmen daraus, was wir können.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE STIMME IN MEINER WILDNIS

Wenn ich könnte
würde ich Deine Stimme
in meiner Seele aufbewahren –
ein nimmer ausklingender Widerhall.

Denn Du drückst mir immer die Daumen
wenn ich den Weg in meinen Traum verliere
deine Stimme, wie ein Weckruf, ist da –
Du schaffst das! Du schaffst das!

Je wilder, desto vertrauter –
Ich nehme Dich mit in meinen Traum
Du wirst lauter und lauter und lauter
schreien: Ich bin jetzt Dein Echoraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung