FESTHALTEN

Ein Ozean liegt zwischen uns
Als wäre es ein Gespräch ohne Worte
In fremden Gedanken positioniert
In einer Ecke meines Verstandes, die ich
Nicht orten kann –
Und der Ozean liegt einfach da,
Eine schwere tote Masse, ein Brei,
Ein ertrunkener unerhörter unausgesprochener Schrei!
Das Blut in meinen Adern füllt sich an wie Blei
Denn ich hadere mit Deinem Schicksal
Und kämpfe, um den Glaube an Dich nicht
Zu vergessen, Afrika.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN MITTEN DER GESELLSCHAFT

Ich greife nach der Gesellschaft
Wie ein Kind nach seiner Mutter greift
Wir ein Ertrinkender, den ein Halm streift
Wie ein Träumer nach einem Gedanken,
den er fast begreift –
Und er schleift und schleift an seinem Begreifenkönnen,
bis er nach und nach heranreift
und wird selbst zur Antwort seiner eigenen Frage
und einem neuen Teil seiner Gesellschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU BIST MEIN TAG

Als ich Dich verlassen wollte
Blieb der Tag stehen
Und er hinderte mich am Weitergehen
Denn er verweigerte mir, was ich wollte
Ich wollte die Nacht.

Ich war müde und konnte mich nicht ausruhen
Denn ich fand keine Nacht
Ich war einsam, konnte mich aber nicht binden
Denn ich war innerlich noch nicht getrennt
Und fand keine Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANPRALL

Freunde tauchen aus dem Nichts aus,
Verwirrt, und überrascht von der Freundschaft,
Wie Rehe im Scheinwerferlicht zu Hause
In der faszinierenden Gefangenschaft.

Du möchtest fliehen vor dem Licht,
Hast aber keine Lust mehr auf die Dunkelheit:
Der feuchte Wald und Du ganz allein
Mit nur Deine Fantasie um Dich zu wärmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ALT WERDEN

Der Abend ist das Versprechen des Morgens
Die Nacht sein Geschenk
Das Alter ist ein Geschenk
Nicht jeder lebt lang genug, um es zu bekommen

Was ist schöner als Deine Falten?
Der Tag mußte lang reisen, um die Nacht zu küssen
Ich werde alle Deine Falten zart küssen
In der Reihenfolge, in der sie erscheinen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITSPRACHERECHT

Der Adler fliegt auch für mich
Und sagte mir
Ich bin der Widerhall auch Deiner Inneren Stimme
Wenn Du willst –
Du musst nur laut genug reden
Mitreden
Und Dich nie mundtot machen lassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERTRAULICHKEIT

Wenn wir nur reden könnten
mit Schweigen,
welch Gedanken würden wir nicht alle
zwischen uns
untereinander tauschen.

Alles, was wir mit Worten nicht sagen wollen,
weil wir so scheu und schüchtern sind,
würden wir in Gedanken teilen
und kein Mensch könnte uns verraten,
nicht mal wir uns selbst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST STRAUCHELN

Halte inne, und sei gewiß
den Fehler Deiner Eltern wirst Du wiederholen
Wissen ist Macht
DIESES Wissen allein wird Dich retten
kurz bevor Du fällst –

Es gibt einen Grund warum
Afrika sich ständig wiederholt
Europa sich ständig wiederholt
Deutschland sich ständig wiederholt
trotz allen Bemühungen zum Anderswerden.

Den Fehler machen die, die ihre Eltern
irrtümlicherweise für ihre Vergangenheit halten,
nicht ahnend: die sind Eure Zukunft
ruhig gärend in Euch wartend –
Nur dieses Wissen wird Euch retten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABWECHSELND

Ich spürte Deinen Atem gestern
auf meine Haut,
Leise und laut, abwechselnd
lachend und lächelnd.

Du hast mal geflüstert
mal geschwiegen,
bist neugierig und aufmerksam
und ruhig geblieben. Und wild.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UNSICHTBARE TRENNUNG

Nachdem der Tod sie getrennt hatte
blieben sie lange noch innerlich
in der Nähe von einander
denn der Leben ist stärker als der Tod –
und zwar das Innenleben des Geistes.

Jedoch spürten sie langsam, daß es
allmählich Zeit wurde, sich wirklich von
einander zu trennen. Und zwölf Jahre
nach dem Unfalltod seines Bruders, erlitt
er zum zweiten Mal den Trennungsschmerz.

Er weinte bitterlich und wusste nicht warum
denn der Verstand versteht wenig von dem
was in der Seele vorgeht. Als er seinen
Bruder fort dachte, war er die ganze Zeit da.
Doch als der tatsächlich sich löste, spürte er

die trennende Bewegung – und den Abschied.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Dieses Gedicht ist die Fortsetzung des Gedichts „GEFÜHLE

und wird selbst nochmal fortgesetzt…