STATIONEN DER SELBSTFINDUNG

Wann ist eine Beziehung zu Ende?
Am Anfang, als wir zusammen kamen
Ohne zu verstehen, daß wir uns nicht verstehen?

In der Mitte, als wir weitermachten
In der Annahme, auf dem richtigen Weg zu sein?

Am Ende, als wir uns trennten
Weil wir beide schließlich die Wahrheit erkannten?

Oder Jahre später, als wir endlich
Echte Freunde wurden?
Wann ist eine Liebesbeziehung zu Ende?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABHÄNGIGKEIT

Ich hielt den Atem an
Überließ Dir den Sauerstoff
Wurde zum Baum

Du läufst an mir vorbei
Sitzt in meinem Schatten
Beachtest mich kaum

Wenn Du atmest, atme ich
Wenn ich sterbe, stirbst Du
Zurück bleibt nur unser Traum

Traum von Freiheit und Freude
Traum von Wahrheit und Wurde
Traum von Lebensraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSWERDEN

Es kreuzten sich
als sich unsere Herzen umkreisten
wie Adler und Falke unter einem Regenbogen
Widersprüchliches

Konkurrierten sich um die desinteressierte Sonne
so lange bis sie verschwommen unterging
Erst dann umschlungen wir die Nacht
teilten uns den Schmerz

und wurden eins.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE FARBEN DER ERDE

Meine Gedanken reisen nach Hause
in die Vergangenheit – Alle, die
mit mir einst die rote Nigerianische Erde
mit ihren nackten peroxidischen Sohlen druckten, die kommen meinen
heimreisenden Gedanken heute Nacht entgegen
und fragen mich, wie es denn ist, dort,
in der Zukunft, in einem Fremdland.
Ich sage ihnen, der Himmel ist blau,
die Sonne ist milder aber es ist die selbe Sonne,
die die äquatoriale Luft entzündete,
und unser Mond lebt auch hier mit mir.
Nur die Erde, die rote Erde, sie fehlt…
Hier ist der Boden braun
und ich bin, nach zehn Jahren, immer noch dabei,
mich daran zu gewöhnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EBBE

Ich war heute Watt wandern
Besuchte den Meeresgrund –
Und das Meer aus der Ferne beobachtete
Wie ich erkundete jeden Fund.
Muscheln und Austern und Krabben
Rund herum und gesund
Eine Auster wanderte in meinen Mund
Und verschwand in meinen Schlund!
Bin ich jetzt ihre Muschel und ihr Watt
Und mit dem Meeresgrund im Verbund?
Kommt nun das Meer mich auch besuchen
Und fluten meinen Herzensgrund? …

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INNERE GLEICHART

Wie lange dauert es
Bis wir durch die Farben hindurch sehen
Über den Akzenten stehen
Die Nachrichten hinterfragen und umdrehen
Die Klischees umrunden auf spitzen Zehen
Durch unsere Ängste hindurch gehen
Und uns verbrüdern auf der Ebene der Ideen?
Wie lange noch?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANKUNFT

Einst warst Du mir fremd, Land
Eine hohe ungefallene Wand
Wenig Herz, viel Hand
Trügerischer Treibsand
Ich hockte am Rand
Und wusste nicht, wovor ich stand:
Wahrem Wesen oder bloßem Gewand.

Doch der Schmerz ist das beste Asyl
Ich empfinde tiefer als mein Gefühl
Lasse los und spiel nur noch mein Spiel
Die Integration war nicht mehr mein Ziel
Nur die Ehrlichkeit macht stabil
Länger dauerte es danach nicht viel
Und die Mauer fiel.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ATEMZÜGE

Ich mag es
Deinem Atem zu lauschen
Und während Du neben mir schlafend liegst
An den langen Weg hinter uns zu denken
Der mir so kurz vorkommt
Und an den unbekannten Weg vor uns
Der mir endlos scheint.
Ich mag es, Deinen Atem zu belauschen
Und mich in Gedanken mit Dir auszutauschen
Während Du neben mir schlafend liegst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

YVONNE

Wir sind zusammen zu einer Reise aufgebrochen
Haben uns vieles und nichts versprochen
Hatten nur Hoffnung im Gepäck
Kein Zuhause, kein Hafen, kein Versteck

Ich wurde blind und wieder sehend
Ich starb und wurde wieder lebend
Du warst die ganze Zeit da
In aller Selbstverständlichkeit, und nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHÄLEN

Im siebten Jahr ihrer Beziehung
War es plötzlich Herbst
Die Gedanken änderten ihre Farben
Die Empfindungen wurden tief, herb, ernst
Die Gefühle, sie fielen langsam zu Boden
Wie die müden Blätter zerlesener Oden.

Abgegriffen der einstige Glücksgriff
Ein Ozean ist zu groß für ein Schiff
Nein, ein Ozean ist nicht groß genug
Für die pochende Sehnsucht…
November nahte sich, sie wurden nackt
Suchten zum ersten Mal zueinander Kontakt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung