LEINWAND ERDE

Sag mir nicht,
daß in der Natur keine Maler wohnen
unsichtbar in ihren Wesen
sichtbar allein in ihren Werken.

Sag mir nicht,
daß alle Kunstwerke mit den Namen
ihrer Schaffer versehrt sind. Nein.
Die Schöpfung ergötzt sich an Anonymität.

Deine schönsten Werke
werden zum intimsten Teil des Gesamten
und selbst Du weißt nicht mehr,
welche davon einst von Dir stammten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERBSTGESPÜR

Manch eine Wand war eine Tür
Manch eine Zukunft war schon längst hier
Desinteresse ist das Gesicht von Gier
Achte nur auf Dein Gespür.

Nur der Herbst ist ehrlich
Er zeigt Dir, wie vergänglich
die Schönheit ist..
dann zeigt er sich, wie er wirklich ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE ERDE ZUM TEILEN

Ich frage mich wie die Bäume heißen,
die lange vor uns
und immer noch unter uns
schweigend lebten,
bis sie in dieser Oktobersaison gefallen werden
schnell und trocken
um Platz zu machen für unseren Wünsche.

Ich frage mich, ob sie Namen hatten –
nicht Artennamen –
sondern ihre eigenen persönlichen Namen,
jahre-, jahrzehnte-, jahrhundertelang,
nur den unsichtbaren Wesenhaften bekannt,
die sie liebten und bewohnten,
und einem kindlichen Menschenherz irgendwo.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFTSSTERBEN

Blumenreiche Flur
Sterbende Blumen
Menschenähnliche Natur
Reich an Volumen
Traurige Lächeln nur
Innerlich leeres Lumen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WÄRE EINMAL

Wenn die Straßen Blumen wären
Wenn die Häuser Bäume wären
wären wir die Früchte der Erde, und fruchtbar…

Keiner spräche mehr von Planet Erde
Unsere Welt hieße nun Garten Erde
Bist Du bereit, eine neue Welt wach zu träumen?

Alles sieht so alt aus, so müde, so out…
Die Infrastruktur, das System, die Politik…
als wäre seine Zeit schon längst vorbei –

Diese unklare Empfindung,
daß die Zukunft anders sein möchte…
Ein andersartiges und reifes Märchen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEUTE DIE SCHWELLE

An der Schwelle zwischen Öl und Wasser
Zwischen Gas und Wind
Zwischen Kohle und Sonne
Zwischen Kern und Elektronen

Zwischen gestern und morgen

In diesem großen großen leeren Raum, wo
Verantwortungssinn und Entscheidung fehlt,
schwebte Energie und schaute zurück
und schaute nach Vorn.

Und wusste nicht weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FIEBER

Diese so schöne Frau…
Ihre Temperatur steigt
Das Fieber schüttelt ihren Körper
Sie zittert und brennt und schweigt laut
Ihre Augen tränen mit einem Blick,
der zur Verzweiflung und zur Wut neigt

Ihre Eiskappen schmelzen
Fließen wie Schweiß ihre Stirn hinab
Sie kann kaum atmen –
Hörst Du, wie sie nach Luft schnappt?
Mir scheint es, Mutter Erde selbst ist es,
die Corona hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU SPÄTER ALS KIND WIEDER

Du später als Kind wieder
in einem zukünftigen, neuen, Leben…
Welche Erde würdest Du vorfinden,
von Dir selbst vorbereitet
von Dir selbst zugerichtet?

Du später als Kind wieder…
in welcher Welt würdest Du aufwachsen?
Schrott im Weltall
Müll im Weltmeer
Luft zum Schmutz verdichtet.

Du später als Kind wieder…
Empfänger der Wechselwirkung von Entscheidungen,
die Du heute als Erwachsener triffst –
In welcher Welt würdest Du leben wollen?
Zu der bist Du heute verpflichtet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OBEN BLEIBEN

Ich fliege
Aber ich fliege nicht allein
Ein Gedanke fliegt mit mir
In mir
Und er lautet:
Was ist, wenn ich nie wieder lande?

Und selbst nach dem ich gelandet bin,
fliegt dieser Gedanke weiter,
über Ängste und Schmerzen hinweg,
über Pläne und Bindungen und Trennungen.
Und darüber hinaus. Er fliegt einfach weiter
und hält mich ewig in der Luft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung