DIE LETZTE STUNDE DER NACHT

Jener Moment
kurz bevor Dir die leichte Vorahnung dämmert
der baldigen Ankunft morgendlicher Dämmerung…

Hat die Empfindung einen Geruchssinn?
Wiese rieche ich, wo es keine gibt –
Wieso?

Der Tag ist wie ein Gedanke
der Dich aufsucht und lange heimlich umkreist,
leicht spürbar, bevor er Dich erhellt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERUNSICHERT UND HOFFNUNGSVOLL

Vertrauen
genug um mich zu trauen
aufzutauen
und zu vertrauen

Wenn Kokon meine Welt ist
und Schmetterling mein unklarer Traum
wie komme ich ohne Aussicht
auf den Gedanken „mehr Raum“ ?

Wann merke ich, daß das Ende
nur eine Grenze ist, die fallen kann?
Die ich öffnen kann dem Fremden,
denn er bietet mir seine Hand an.

Menschenfarben, von denen
ich seit gestern Ablehnung gewohnt bin
marschieren heute für mich in Tränen
rufend Black Lives Matter. Ist Echtes drin?

Es verunsichert und verwirrt mich.
Nervös warte ich auf morgen –
bereit, mich zu verlassen wieder nur auf mich –
bereit auch, neuen Wegen zu folgen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ABENDBROT

Der Hügel traf die Sonne fallend
Überrollte die Sonne auf seinem Rücken
Lachte schallend
Mein Herz zweimal nachhallend
Konnte sein Lachen nicht unterdrücken.

Und dieses Lachen hallte weiter
In unserem Abendessen im Familienkreise
leicht und heiter
Wurde spöter zur Himmelsleiter
Bei unserem Abendgebet, leicht und leise.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN SCHEUES LÄCHELN

Eine schüchterne Sonne ist zuweilen alles
was Du an Wärme brauchst.
Du musst sie nicht mal sehen. Fühlen
reicht, damit Du zögernd auftaust
und wie die Sonne lächelnd auftauchst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

.

SEHNSUCHT NACH ANKUNFT

Wie noch nicht bis zu Ende durchdachten Gedanken
stürmten wir bis ans Ende der Welt
fanden dort und an jedem dazwischen liegenden Ort
keinen Sammelpunkt unserer Würde,
wurden zu Würdeträgern ohne Tragenden oder Tragbaren
oder Getragenen.
Jetzt ertragen uns fremde Heimatschützer und wir sie,
wir vertragen uns gegenseitig gerade noch
mit Mühe und lästiger Würde.

Schnell erkannten wir den Betrug unserer Gedanken
die uns hinaus trugen aber nicht hinein –
das ist die Art von unfertigen Gedanken
sie sammeln ihre Punkte unterwegs und lassen sich verändern
getragen von dem Wunsch nach Erfüllung.
Da sind wir also, Wunsch- und Wundenträger
ohne Linderung durch unsere verstreuten Kinder
die unseren zerstreuten Gedanken nicht folgen können
sie aber irgendwie vollenden müssen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DU BIST MEINE SONNE

Die Erde ist echt schräg
liegt mal Kopf mal Fuß zur Sonne
und hört nicht immer zu

Es liegt in meiner Natur
nie ganz bei Dir zu sein
Ein Teil von mir bleibt Dir immer fern

Aber damit Du weißt
daß ich Dir immer noch gehöre
liegt das andere Ich Dir um so näher.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKKEHR INS DUNKEL

Und so kehrt der Totalitarismus zurück
als heldenhafter Ritter in glänzender Rüstung –
und die dankbaren Völker auf ihrer Brüstung
aus äußerer Angst und innerer Verwüstung
schenken ihm jubelnd ihre Freiheit zur Begrüßung
und fassen nicht ihr Glück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER APRILBERG

Der Schnee ist den Gipfeln gewichen
Er ist geschmolzen
und mit einem leisen Seufzer
nach Hause gegangen.

Hier und da wie auf einer Leinwand
behält der überraschte Berg
eine zarte Erinnerung an seinen Gast
langsam verblassend

Und der blaue Himmel hoch da oben
der schiebt die Wolken auseinander
blickt mit Verlangen auf den Berg
und vermisst den Schnee.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
EAAC69EA-0CCB-4DD6-B9A4-5413B7BC6014

DER GESCHMACK DES ENDES

Wie oft schon liefertest Du
den zweiten Schlag
und bereutest es bereits
am nächsten Tag?

Wie oft schon ertrugst Du
den letzten kuss
und littest, denn es schmeckte so
sachlich wie ein Muß?

Irgendwas hat sich geändert
Die Welt wird nimmermehr dasselbe sein
Das alte ist vergangen

Kein’ zweiten Schlag, kein’ letzten Kuss
Zieh einfach weiter mit neuem Geist
und reinem Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DONNERWETTER

die Igbo nannten ihn Amadioha
die Yoruba nannten ihn Shango
die Normannen nannten ihn Thor

alle, unabhängig von einander
erblickten ihn den Donner schaffend
jahrtausendelang hoch im Himmel…

die Christen kamen und sagten
ihn gab es nicht und niemals
ihn kann und hat es nie gegeben…

alle, die ihn im Blitzlicht des Donners sahen,
sahen definitiv Illusionen – oder lügten
oder beteten falsche Götter an

alle, unabhängig von einander,
über unüberwindbare Distanzen,
ja, und jahrtausendelang. Donnerwetter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung