MELODIEN UND MUSEN

Hin und her die Uhr
Hoch und runter Vogelgesang
Hart und weich das Herz
Schnell und langsam der Atem
Tief und flach die Gedanken
Stark und sanft der Wind
Lang und kurz der Morgen
mit seinen Melodien und Musen
und Melancholie und mir.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEUE WINDE, ALTE FAHNEN

Wir liegen wach seit einem Tag
und einer Nacht und halten Wacht
nach dem Orkan, der kam und kam
und kam noch nicht. Die alten Gefühle
sitzen noch fest in der Windstille
auf der Landschaft mitten im Gewühle
unserer äußerlich gemäßigten Gesellschaft.
Nur einer ist unruhig: der alte Wille
zur Erneuerung ohne Veränderung.
Doch wie kann unsere Gemeinsamkeit
neu werden, wenn die alten Sitten
und Ansichten noch mitten im Herzen
der Bevölkerung sturmreif und tief sitzen?
Auch neue Fahnen wehen im alten Winde
und in den neu kommenden die Alten.
Auf lebe neu der alte Widerstand.

– Che Chidi Chukwumerije (10.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
002E29DF-009E-4E2E-AFB1-1A9E3F83D16C

OFFLINE

Die schönsten Bäume traf ich
offline
Die scheuesten Blumen küssten mich
offline
Die beruhigendsten Pfade beging ich
offline
Die innigsten Begegnungen machte ich
offline

Ich ging online, so für mich hin,
und fand viele Türe, mit und ohne Sinn
Ich ging offline, und wurde selbst die Tür
ohne Schutz, ohne Rahmen, echtes Gespür.
Tausend Kleinigkeiten in tausend Sinnen
In einem Moment offline ist alles drinnen.

– Che Chidi Chukwumerije (06.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BESUCHER

Ich war ein Sucher in der Natur
und ich fühlte mich fremd, als
der Schnee kam. Aus dem Dunkel,
aus dem Nichts. Lagerte sich um mich
wie ein Belagerer einen Feind, und
starrte mich ernst und wortlos an.
Mein Herz klopfte, ich wartete ab und
ließ mich prüfen. Dann umarmte mich
der leise Schnee und geleitete mich
aus dem Wald wie ein treuer Begleiter.
Manchmal sind wir Zuhause in
der Natur, doch manchmal sind wir
nur Besucher in einer fremden Welt.

– Che Chidi Chukwumerije
29.01.2020 (18:53h)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FARBEN

Wie lange besteht die Mauer
bis sie fällt? Die Mauer, die steht
zwischen den Menschenrassen
Als Gruppenidentität.
Sie macht noch keinen Anstand
zu fallen,
noch etwas anderes als Verschwörung
und am besten versteckte Intoleranz
sich zu gefallen.

Wie lange bestehen die Menschen noch
bis sie zur Menschheit ehrlich wird?
Menschlichkeit geistert irgendwo in uns,
verirrt verwirrt.

– Che Chidi Chukwumerije (19.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
2D9EA709-4BCD-4C2A-A20D-38A1EFD28DC2

JEDEM SEINS

Wunderst Du Dich manchmal auch
Wie andere die Welt sehen? Nicht
Fremde mit fremdem Brauch
Sondern Bekannte mit ähnlichem Aussehen
Und gegensätzlicher Aussicht.

So gern würde ich mich sehen
Durch den Blick Deiner Augen. Meinen
Blinden Fleck. Meine vertrauten Ideen.
Zu was würden sie noch taugen
Wären sie die Deinen?

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STIL

Weniger reden
Mehr sagen
Zurücktreten
Hervorragen

Antworte nimmer
Umgestellte Fragen
Antworte immer
Die versteckten Fragen

Kopf hoch halten
An feigen Tagen
Kurz innehalten
Während andere jagen

Deinen Proviant teilen
Auch bei leerem Magen
Mitgehend die nächsten Meilen
Ermutigend zum Nicht verzagen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ICH FRAGE DICH

Unstellbare Fragen sind
Unvorstellbare Fragen sind
Umstellbare Fragen sind
Stellvertreterfragen für
Stellbare Fragen –

Möchtest Du anderen Menschen
Gleichgestellt sein?
Oder möchtest Du über andere Menschen
Hoch erhoben werden?
Das klingt wie eine Frage. ÜberHaupt.

Eine Frage der Einstellung.
Eine Frage der Vorstellung
Deiner Selbstausstellung –
Eine Frage der Ehre und der Ehrbarkeit,
Eine Frage der Ehrlichkeit.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WINTERDÄMMERUNG

Wie viele Schreie stehen heute Morgen auf
Ohne Stimme?
Die werden treffen keine Ohren.

Wie viele Tränen wachen heute morgen auf
Ohne Augen?
Sie werden treffen keine Blicke.

Wie viele Herzen gehen heute Morgen auf
Ohne Körper?
Sie liegen leblos am Existenzrand.

Der Winter schleicht erneut
Durch unsere Lebensadern wie blinde Wut
Wie Bindeglut. Wie böses Blut.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GREIFBARE GEDANKEN

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die sehnsuchtsvoll
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die feindselig
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die neugierig
An Dich denken?

Was Du spürst, ist die Art und Weise
Wie leise leise und weise weise
Die Schöpfung alles hört und alles weiß
Und alles weitersagt, ohne Beweis.

Lang bevor es das Internet
Der Dinge als Erfindung
Gab, gab es das Internet
Der Gedanken und Empfindungen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung