SILVESTER 2022

Ich danke von Herzen Euch allen
Die Ihr mit mir Euere Wahrheit geteilt habt
Die nachdenklich stimmenden, die schmerzvollen
Die glücklich machenden. Es hat geklappt:
Das Jahr hat aus mir lang Ersehntes gemacht:
Aus Jahrhundertschlaf bin ich aufgewacht
Und gehe rüber ins Neue Ja heute Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBENDIG

Geben und geben
Ohne zu empfangen
Dennoch weiter geben

Laufen laufen
Ohne anzukommen
Deshalb weiterlaufen

Schmerz ist ein guter Ersatz für Freude
Hinterfrag nicht immer Deinen Weg
Schmerz ist ein guter Ersatz für Freude.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAGE DER KÄLTE

Im Winter schreibt die Straße
ihre härtesten Gedichte
Wieder ein Obdachlose erfroren
mundtot in der Stadtgeschichte

Die Nachrichten schreien
darüber ein paar Tagesberichte
Die Politik zeigt sich bestürzt –
das, wozu sie sich verpflichte.

Die Bewohner und Benutzer
der Straße, ihre eigenen Gerichte,
wussten‘s schon immer, die Kälte
richtet ihn eines Tages zunichte.

Niemand rief den Kältebus
doch die waren keine Bösewichte
Die Kälte zieht uns die Wärme ab,
die ihr Ertragen ermöglichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINUNGSWECHSEL

Manchmal kämpfen
und töten in mir sich
Gedanken gegenseitig
erbitterter und gnadenloser
als die wildesten Raubtiere
in der Wildnis. Natur Mensch.

Manch eine Lieblingsansicht
von mir wurde nicht selten
in mir vor meinen entsetzten
inneren Augen erbarmungslos
aus dem Hinterhalt von einer
anderen plötzlich angegriffen

in die Enge getrieben
auf den Kopf gestellt
durchlöchert und durchgestochen
auseinandergenommen
lebendig gefressen und begraben
kalt ermordet.

Und ich konnte nichts dagegen tun.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGEHÖRT

Ich weiß nicht warum ich schweige
Mein Herz schreit
Wieso kann das keiner hören?
Ich habe nun Mitleid
mit Geistern, die ohne zu stören
einsam Abschied nehmen und aufsteigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OHNE GRUND

Ich war zu oft am falschen Platz
Ahnte es, wollte es nicht ahnden
Ignorierte das komische Gefühl im Bauch
Doch Schmerz ist der bessere Lehrer
Er war das Feuer nach dem Rauch
Immer und immer und immer wieder
Nun habe ich ihn gut verstanden
Du musst keinen anderen Grund haben
Um Dich zu schützen,
Als eine Empfindung unbequem am Nagen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLEINERZIEHEND

Schreibt Protokoll
Geht einkaufen
Schiebt Überstunden
Hält das Büro am Laufen

Geht Kompromisse ein
(F)Akten balancierend
Deadlines frühzeitig haltend
Schlüsse akzeptierend

Schaut immer wieder auf das Handy
Steht plötzlich auf
Ich muss jetzt zu meinen Kindern
Ich mache den Rest von Zuhaus

Kurz nach Mitternacht
Nochmal eine letzte Mail
Sitzt morgen wieder lachend im Büro
Mit müden Augen parallel.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WUNDE STUNDE

Es ist jene Stunde erneut
der Selbstliebe
des Selbsthasses
der gesteigerten Triebe
des inneren Kompasses
der Hoffnungssiebe
des Ich-Strafmaßes
der Traumdiebe
des neuen Anlasses
die Wunde zu lecken, unbereut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES IST DRIN

Ich lebe in einer Welt
in der ich nicht existiere
Und existiere in einer Welt
in der ich nicht lebe
Und keine von beiden ist mein Zuhause

Ich gehe Wege, die ich nicht kenne
und kenne Wege, die ich nicht gehe
Keiner von beiden ist mein Weg

Ich bin mein Zuhause
Ich bin mein Weg

Alles, was ich mache, passt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEHR ALS ALLES

Hab alles gegeben
Bin nichts mehr
Habe nichts mehr
Kann nicht mehr
Will nicht mehr

Übrig geblieben
ist das, was ich wirklich bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung