MEIN WERT

Als ich aufhörte, kostenlos zu sein,
verloren die einen den Appetit nach mir -
In den anderen erwachte der Heißhunger.

Als ich anfing, Weh zu tun,
flohen die einen; die anderen gaben sich hin:
Mir, uns, und unserem gleichartigen Beißhunger.

Als ich aufhörte, ohne Grenzen zu sein,
blieben die einen draußen, die anderen drinnen
schätzten befriedigt meinen Schweiß und Hunger.

Es hat lange gedauert aber ich kenne meinen Wert;
Ich weiß, wie viel ich weiß, kann, wage, schaffe
mit unbändigem Fleiß und unersättlichem Hunger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NICHT NETT

Nett sein
ist nicht nett sein
wenn es als nett sein
nicht verstanden wird
sondern als Schwäche.

Wenn sie Dir sagen
Du bist nett
meinen sie:
Du bist schwach
Dafür bist Du selbst schuld.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ELITETAUSCH

Die Elite stürzen
Unter Menschen
In deren Herzen
Der Elitismus noch thront

Ist wie Schnee
Im Winter kehren
Und denken, jetzt kommt
Sicher der Sommer

Es folgt kein Frühling
Es blühen keine Blumen
Es entsteht keine neue Welt

Es fällt der nächste Schnee
Es kommen die nächsten Eliten
Ihr Thron sitzt ungestürzt in uns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH EINER GRÖSSEREN WELT

Du bist mir zu klein, Welt -
Wie willst Du meinen Durst stillen?
Meinen Durst nach einem Held
Unverführbar gegen seinen Willen.
Meinen Hunger auf die Unsterblichkeit,
Unsterbliche Freundschaft, ur-ur-alt.
Mein Bedürfnis nach inniger Verbundenheit
Mit allen Gleichartigen ohne Vorbehalt.
Meine Sehnsucht nach einer Gesellschaft,
in der keine Menschen andere unterdrücken
Und der wahre Wert unserer Wirtschaft
dadrin liegt, uns gegenseitig zu beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WACHKÜSSEN

Ein Kuss weckte Schneewittchen aus dem Schlaf.
Doch ein Kuss hat viele andere in den Schlaf versetzt,
Aus dem sie ohne Kuss später erwachten verletzt,
Verwirrt, enttäuscht, erwachsen, klein, entsetzt,
Ohne Prinz, ohne Prinzessin, ausgetauscht, ersetzt,
Dieses begreifend: der Kuss wurde überschätzt
Als Vermittler der Botschaft: Du wirst wertgeschätzt;
Dieses begreifend: der Kuss wurde unterschätzt
Als Schlafmittel, das Deine innere Klarheit zersetzt.
Du brauchst nicht zurückrufen, die Leitung ist besetzt.
Du darfst nicht stören, es wird gerade geschwätzt -
Wachgeküsst wird Schneewittchen gerade aus dem Schlaf!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLINDER RASSISMUS

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht weiß, daß er Rassismus ist.

Er denkt, er sei lustig, witzig.
Er behauptet, er sei nett, zuvorkommend, behilflich.
Er glaubt, er sei ehrlich, wahrhaftig.
Er meint, er sei natürlich - sogar menschlich.

Deshalb wird ihm nicht die Erkenntnis,
daß er Rassismus ist.
Vor allem deshalb, weil diese Erkenntnis…
sie zeigte ihm gleichzeitig,
wie klein er ist.

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht wissen will, daß er Rassismus ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOPFSCHUSS

Ein Kopfschuss wird heute manchen umbringen.
Anderen dringt die Kugel in die Niere ein,
es könnte aber auch die schreiende Lunge sein
oder das Rückenmark. Dem Herz wird‘s gelingen

ein letztes Gedicht über die Liebe und den Frieden
in den schmerzverzerrten Augen zu lesen -
Alles, was es auf Erden beinahe wäre gewesen -
dann verlässt es die Erde für alle Ewigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR BRAUCHEN FRIEDEN

Stell Dir vor,
Du gerietest jetzt in Kriegsgefangenschaft…
Ich meine jetzt! Jetzt!
Während Du unterwegs nach Hause bist -
Noch bevor Du ein letztes Mal
zum Handy greifen kannst
und Deiner Frau oder Deinem Mann
oder Deinen Kindern oder Eltern
oder Geschwistern oder Freunden sagen kannst…
bist Du weg. Weg. Weg!

Frieden. Leute, Frieden!
Je länger die Kriege andauern,
desto einfacher ist es, Gebiete weiter zu erobern,
Menschen weiter verschwinden zu lassen,
Waffen weiter zu verkaufen,
die Umwelt weiter zu zerstören,
Volkswirtschaften weiter zu verzerren,
die Armen noch ärmer zu machen,
Menschenrechte weiter zu schmälern,
Träume weiter zu töten.

Frieden, Leute, Frieden!
Wir brauchen mehr Streitschlichter
und weniger Kriegsanfeuerer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SAISONWENDE

Grün wie Hoffnung verwelkend
Ein Sommer des Lichtes
Jahrzehnte des Friedens
Sozialgerechtigkeit in der Gesellschaft
Feiern ihr Saisonende.

Der Herbst ist vieles: Er ist bunt,
Reif, er ist herb und kalt, schließlich
zieht er sich und uns alle aus.
Wer wenig hat, dem wird viel genommen.
Wer alles hat, dem wird alles gegeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STERBEN VERWEIGERN

Fast hast Du mich umgebracht
Ich überlebte
Es hat Dir nicht geschmeckt, zu sehen
Wie eine Empfindung mich wieder belebte

Ein Gedanke:
Auch ich bin jemand
Auch ich bin jemand
Genau so, wie ich bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung