Soll ich stärker werden oder weniger Gepäck tragen? Wenn ich weniger Gepäck trage werde ich schwächer werden. Wenn ich schwächer werde, werde ich noch weniger Gepäck tragen. Wenn ich nicht schwächer werden möchte, muß ich mehr Gepäck tragen. Wenn ich stärker werde, trage ich - gefühlt - weniger Gepäck. Nicht mehr. Und wenn ich daran sterbe? Dann trug ich mein ganzes Gepäck bis zum Schluss. Mehr nicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
des Kampfes und des Widerstands
MEHR NÄHE
Distanz braucht Nähe. Das ist mir neu. Immer dachte ich, Freiheit suchend, Nähe braucht Distanz, nicht andersrum - doch dann erwachte ich politisch in einer brückenlos geteilten Welt. Distanz braucht Nähe. Denn es ist wichtig, daß globaler Nord und globaler Süd, Ost und West, Kulturen, Religionen, Sichten sich be-greifen im Akkord, der den Frieden zusammenhält. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FAMILIENFRIEDEN
Brüder kriegen gegen und töten einander - so kommt es mir vor. Die selben Gesichter. Denn bis der Krieg anfing, dachte ich immer, Russen und Ukrainer seien Geschwister. Was bedeutet Familie noch?, frage ich mich. Bevor er starb, sagte mir mein Vater, leise: Wenn Ihr alles verliert außer Einheit und Frieden, habt Ihr alles Notwendige für die Reise. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZEITALTER DER DESINFORMATION
Die Meldungen waren viele
vielschichtig vielseitig gegenseitig
wechselseitig allgleisig gleichzeitig
Zeitschrift Frakturschrift
Fraktur mit und ohne Schrift
Informationsluken
Informationslücken
In keiner Lüge fehlte Wahrheit
In keiner Wahrheit fehlte Lüge
So waren wir zum Weitersuchen verurteilt
Suchet, so werdet Ihr nichts finden.
Wer nicht findet, der sucht weiter.
Die Nachrichten richten sich danach aus.
Die Meldungen sind selbst die Ware –
Gestern platt, Heute glatt, Morgenblatt.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WOZU DIE BILLIONEN WAFFEN
Wozu die Billionen Waffen? Sind wir
so viele, daß wir es leisten können
alle umzubringen und es gäbe
noch Menschen genug übrig? Entmenschlicht. Primitiv ohne Ende.
Oder besteht die Welt nur aus Feinden?
Wozu die Billionen Regeln? Werden
so viele gesteuert Roboter gebraucht,
um die Menschen in Schach zu halten?
Die Menschen, die selbst die Roboter
einst ausdachten, aus sich gebaren
und sich mit ihnen endlich ersetzten.
Wozu die Billionen Grenzen? Sind wir
einander so gegenseitig fremd? Wir
leben mit Fremden und die Fremden sind
wir. Wir leben mit uns selbst. Ausgegrenzte
Nachbarn, eingekesseltes Innenleben,
Mobilität beschränkt auf die Angstgrenze.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE INNERE GENERATION
Eine Generation wird es hinkriegen,
sich loszulösen von Menschenkriegen.
Eine Generation wird es schaffen,
wie Menschengeister in Frieden zu schaffen.
Und wenn Du tief in Deine Seele hinein blickst
und diese Sehnsucht drinnen wachsen erblickst,
weißt Du, daß Du Teil dieser Generation bist,
egal wo, egal wann, egal wer wie was Du bist.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GLAUBE AN DEN WEG
Ich lebe für die Zeit nach meinem Leben,
für gewöhnlich die Zeit nach meinem Tod genannt;
So habe ich das jetzige Leben irgendwann vorbereitet
und es aus meinem Gedächtnis wohl gebannt.
Denn irgendwas in mir kennt den Weg.
Du wirst tausend Gründe hören,
warum es Armut und Leid und Krieg geben muss –
und warum keiner irgendwas dagegen tun kann –
schenk ihnen keinen Glauben, hebe Deinen Fuß
und folge der Liebe stur auf ihrem Weg.
Es ist der Weg der Solidarität,
der Weg der Nächstenliebe, der Menschlichkeit;
Machen wir die Erde licht, werden unsere Zukunftskinder
der gleichen Art sein wie ihre Vergangenheit.
Das und kein anderer ist der Weg.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EIN MONATSGEHALT
Sie stand vor dem Laden
Die Distanz zwischen ihm und ihr
war genau ein Monatsgehalt
Nachdenklich lief sie weiter
Ein Paar Straßen später machte sie
vor einem anderen Gebäude halt.
Sie stand vor der Tafel
Die Distanz zwischen ihr und ihr
war genau ein Monatsgehalt.
Wenn Du schonmal oben warst
und schonmal unten warst
findest Du nur im Inneren Deinen Halt.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GLEICHBERECHTIGUNG
Es wird langsam Zeit
zu gehen nicht mehr allein
sondern zusammen, zu zweit,
Dein linkes ist mein rechtes Bein.
Es ist soweit
zu schlagen nicht mehr getrennt
sondern zu mehrt in Tapferkeit
weil Euer Herz in meinem brennt.
Wer ist bereit
zu vertrauen und Liebe zu wagen?
Ich gebe Dir treu Begleit;
öffne Dich, trete hervor; nicht zagen.
Die Welt liegt im Streit
mit dem Ringen selbst nach Freiheit.
Gute Geister, schreit Frieden, schreit!
Wir haben keine Angst vor Gleichheit.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SOLIDARITÄT MIT ALLEN SCHWÄCHEREN
Wir sollen nun kalt duschen –
Das ist bereits eine kalte Dusche,
denn nicht alle werden kalt duschen.
Im Osten führen die Russen
Krieg gegen die Ukrainer.
Aus Solidarität führen im Westen
die Reichen Krieg gegen die Armen.
Hauptsache am Ende des Krieges
sind die Mächtigen mächtiger,
die Schwachen schwächer, die Reichen
reicher und die Armen ärmer. Überall.
Wir sollen nun kalt duschen –
Das ist bereits eine kalte Dusche,
denn nicht alle werden kalt duschen.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
