Wie viele hocken, ungerne, jäh entwurzelte Blumen, Ameisen aus der Ferne, Menschen beim Reinzoomen, am ausgebombten Straßenrand, im Schatten makaber grinsender Struktur erschreckter Aus-bauten unter der Hand des Krieges kalt abstrakter Architektur? Und dennoch sind sie Zuhause. Denn nicht Bauten alleine sind Heimat. In Mitten des Krieges ist jede Pause jedem Patriot, ob Soldat ob Diplomat, gleich dem treuen Mutes neuen Frühling. Gebrochen ist erst der Geist, wenn er vom Kämpfer wurde zum Flüchtling, der ein Fremder mitleidig willkommen heißt. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
deutsch
WÄRE MEIN HERZ EIN HEMD
Wäre mein Herz ein Hemd, aufknöpfbar wenn es warm wird - Wäre mein Kopf ein Hut, abnehmbar wenn er schwer wird - Wären meine Wege Stiefel, ausziehbar wenn sie weh tun - Wären meine Gedanken Antennen, einziehbar wenn sie sollen ruhn - Wäre Krieg ein Film, ausschaltbar wenn es einem reicht - Und Einsamkeit ein Lebrbuch, schwer bis man das Ende erreicht - Dann wäre alles, was einst war wie ein Traum, das niemals war - Und es läge in unseren Händen die Macht, unser Schicksal zu wenden. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ICH WEISS ES NICHT
Wie kann ein Mensch so viele Menschen sein? So viel am Kämpfen sein mit sich Selbst? Wie kann ein Jahr so viele Jahreszeiten sein? So viele Kalenderseiten sein in einem Etat? Wie kann das Weltmeer So viele Meere sein? So voll mit Leere sein und mit Leben schwer? Mit wie vielen Menschen bin ich verheiratet? Wie viele Eltern hatte ich? Mit wie vielen Liedern ist meine Gitarre besaitet? Schon wie viele Leben hatte ich? - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TRÄUMEN
Ich mag es - ich sag es - in der Nacht zu wachen und dabei langsam aufzuwachen Und wenn die Nacht genommen ist, geritten ist und gekommen ist, in den Tag, wie in einen Hafen, wieder einzuschlafen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DANEBEN
Für wen gehe ich diesen Weg? Denn ich habe das Gefühl, ich gehe ihn nicht für mich. Für wen stehe ich schräg? Denn ich weiß ganz genau, ich verliere dabei mein Gleichgewicht. Für wen trage ich dieses Gepäck? Denn nichts, was drin ist, macht mich glücklich. Wessen Gedanken habe ich gelesen? Denn ich habe sie in meinem Kopf gesehen aber sie gehören mir nicht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EXKLUSIVITÄT
Die Sehnsucht danach, die einzige zu sein. Die Sehnsucht, danach die einzige zu sein. Das Sehnen sucht, verunsichert. Das Suchen sehnt sich nach Sicherheit - doch die Sicherheit wurde durchlöchert durch das Bedürfnis nach Freiheit. Denn die Freiheit wurde angereichert durch den Drang zur Wahrhaftigkeit. Wie kannst Du haben, was Du nicht haben kannst? Egal wie häufig Ihr zusammen lacht und schweigt und tanzt. Und Du musst die Sehnsucht tragen mit ein bisschen Hoffnung und ein bisschen Angst. Die Sehnsucht danach, der einzige zu sein. Die Sehnsucht, danach der einzige zu sein. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNVOLLENDBARE GESPRÄCHE AUS DER VERGANGENHEIT
Wie viel Wahrheit kann ich vertragen ohne zurück zu schlagen? Wie viel Wahrheit bin ich bereit zu wagen? Ist es besser, sich zurückzuhalten? Das Herz ist nicht gebrochen. Es ist gespalten. Sind Lügen leichter als Wahrheit auszuhalten? Unvollendete Gespräche aus der Vergangenheit. Wem würdest Du heute bei Gelegenheit begegnen mit der selben alten Befangenheit? - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HINTER VERSCHLOSSENEN VORHÄNGEN
Ich öffne meine Seele wenn ich meine Vorhänge schließe Wenn keiner mich sieht bin ich am sichtbarsten Wenn ich verschlossen bin bin ich am durchsichtigsten. Nachts, wenn die Welt dunkel ist sehe ich am klarsten. Keine Stimmen trüben mich Keine Augen bedrücken mich Keine Gedanken belügen mich - Da bin ich am Wahrsten. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UHRZEIGER-SINN
Hörst Du den Tanz des Uhrzeigers?
Halb elf abends
trabend trabend
Die ganze Nacht hört zu, hypnotisiert.
Hörst Du Rap des Uhrzeigers?
Dreiundzwanziguhrfünfzehn
Mal mit mal gegen das korrupte System
Wie schön er rundum philosophiert.
Hörst Du das Trommeln des Uhrzeigers?
Halbe Stunde vor Mitternacht
Treu seinem eigenen inneren Takt
Ob gelobt oder kritisiert.
So will ich auch gehört werden
Im Schritt mit dem Zeitgeist, vorwärts.
Mein Herz schlagend für meine Taten
Meine Taten sprechend für mein Herz.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DENN IMMER GIBT ES ZWEI SEITEN
Schwarz und Weiß
und die Lügen
die dazwischen liegen
wie Türen –
Eine führt zur anderen
Öffnen
Durchschreiten
Schließen
Öffnen
Durchschreiten
Schließlich
bist Du auf der anderen Seite
und bist nun weiter weg
von der Wahrheit
als je zuvor.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
