MUT ZU LIEBEN

Die Angst, verlassen zu werden, führt dazu, daß ich die Menschen verletze, von mir vertreibe und selbst als erster sie verlasse. Um dann selbst da drunter zu leiden.

Die Angst, zurück gewiesen zu sein, veranlasst mich dazu, den Menschen nicht zu sagen oder zu zeigen, genau wie viel sie mir bedeuten und wie sehr ich auf sie angewiesen bin. Denn ich habe Angst, sie würden diese Macht, die sie über mich haben, missbrauchen.

Weil ich von anderen nicht verletzt werden möchte, verletze ich lieber nicht nur sie, sondern auch mich selbst, bevor es so weit wird.

Diese Angst ist meine Wunde. Nicht die Angst zu versagen oder zu sterben oder gar andere zu enttäuschen, sondern die Angst davor, von jenen Menschen verletzt und verlassen zu werden, die ich am meisten liebe, brauche und will. Und aus dieser Angst heraus lasse ich diese Menschen gar nicht erst an mich heran oder ich verletze sie und treibe sie fort. Ich konnte immer den Schmerz dieser Verluste ertragen. Dieser Schmerz war mir ertragbarer, als wenn ich von diesen Menschen selbst verletzt und verlassen wäre – in einem Augenblick, in dem ich voller Vertrauen es nicht erwarten würde.

Aber der Schmerz, den ich dadurch diesen Menschen zugefügt habe, war mir zwar nicht egal, doch habe ich ihn mit in Kauf genommen, ausgeblendet und relativiert, manchmal sogar gewollt, damit sie einen Schritt von mir zurück weichen würden. Deren Schmerz war mir lieber als meiner. Oder: unser beide Schmerz war mir lieber als meiner allein. Wer sich selbst Schmerz zufügt, kann ihn besser ertragen. Ich liebe die Einsamkeit, weil allein sie mich von alleine nicht verlassen kann.

Jedoch bin ich irgendwann zu weit gegangen, so weit, daß ich genau den einen Mensch getroffen, verwundet, verjagt und verloren habe, den ich tatsächlich am meisten liebe, brauche und will, und vor allem, auf den ich doch nicht verzichten kann – eigentlich das, was ich immer erreichen wollte. Doch wurde diesmal in mir ein Schmerz ausgelöst, ein Verlust erzeugt, der sich als unerträglich erwiesen hat. Bittere Ernte. Das hätte ich nie erwartet. Das, was mich schützen sollte, hat das Gegenteil bewirkt: mich verwundbar gemacht: Mein Gleichgewicht ist fort und ich weiß nicht, was für Folgen das auf mich langfristig haben wird.

Eine positive Folge ist, daß ich diese Wunde nicht mehr als Angst einstufe, sondern als Feigheit. Dieses Umbenennen hat Wunder bewirkt. Auf einmal habe ich buchstäblich und tatsächlich die Angst verloren und hab stattdessen einen Gegner bekommen, den ich besser greifen und niederstrecken kann. Denn diese Feigheit habe ich seit dem niedergelegt und zeige jetzt den Menschen, vor allem den mir wichtigen oder wichtig werdenden, das, was ich vorher vor allem ihnen immer versteckt habe. Das wiederum hat in Folge mir in jüngster Zeit viel Schmerz aber auch viel Freude gebracht. Am wichtigsten aber habe ich die Freiheit gewonnen und die Gewissheit, ich lebe.

Eine zweite positive Folge ist, daß ich viele Entscheidungen endlich getroffen und umgesetzt habe, oder am Umsetzen bin, die lange in mir gestaut haben, auf den Mut zum Handeln harrend. Erfolg oder Niederlage ist vorerst nicht das Wichtige, sondern das Handeln selbst.

Nicht desto trotz schmerzt innig und belastet mich sehr der Verlust dieses einen Menschen und hat mich kurzzeitig sogar an den Rand des Wahnsinns und des Selbstmords getrieben. Seit dem ich allerdings diese Phase überlebt habe, habe ich den Eindruck, ich kann alle anderen Schmerzen und Komplikationen und Auswirkungen, die mit diesem Fall zusammen hängen, fest ertragen. Ob das gut ist oder schlecht, vermag ich nicht zu beurteilen. Dafür kenne ich mich im Fach Psychologie zu wenig, eigentlich gar nicht, aus.

Ich weiß nur, daß der Weg vorwärts für mich in der Wahrhaftigkeit zu mir selbst liegt und in der Bereitwilligkeit, mich auch der Gefahr des Herzensleidens zu öffnen. Ich glaube, das ist das, was die Menschen Vertrauen nennen. Ich nenne es lieber den Mut.

Und ich glaube, das war letztendlich der Sinn meiner Beziehung zu diesem Menschen. Nicht der Mensch selber, sondern das Herausbrechen aus meiner Schale. Alles andere bleibt jetzt ver-gangen. Die mir wichtigen Menschen bleiben gegen-wärtig, präsent, in meinem Leben.

– Che Chidi Chukwumerije.

NICHT DIR

Nicht dir habe ich nachgetrauert
Nicht ihr auch
Deren Abwesenheit deine Umarmung
Lindern sollte…

Ich trauere nur kurz
Der Sonne nach
Die sich heute Nacht blicken ließ –

 – Che Chidi Chukwumerije.

SCHLUSSFOLGERN

Jede Brücke ist eine Eselsbrücke
Dreimal stelltest Du mir die selbe Frage
Erhieltest jedes Mal eine andere Antwort von mir
Denk nicht gleich an eine Lüge

Denk an Spuren der Wahrheit
Wie soll ich denn das in Worte Nicht-Fassbare
Das Vielschichtige, mehrfach Innenundaußenseitige
Meiner sich werdenden Wahrheiten offenbaren

Wenn ich dir die Realität wirklich beichten möchte
Ohne nicht jedes Mal was Neues dazu zu sagen?
Denk an Spuren der Wahrheit
Denn Unvollständiges liegt im gesprochenen Wort geborgen

Aber in der Beziehung zwischen den Ungereimtheiten
Zieht sich die Wahrheit langsam aus
Der Lügner wiederholt feige die selbe vorsichtige Linie
Der Ehrliche gibt mutig neue Hinweise preis

Und geht damit das Risiko ein
Daß Du ihn einen Lügner nennen wirst
Weil er jedes Mal anscheinend was anderes erzählt
Doch die feinsten Wahrheiten sich nur schlussfolgern

Deshalb drehen sie sich permanent langsam um
Und zeigen Dir nach und nach alle Seiten von sich.

– Che Chidi Chukwumerije 

AUFWACHEN

Gestern war’s Hoffnung
Heute Schmerz – oder war’s Reue?
Vorgestern ein Anflug von Panik
Am Morgen davor eine stille, fast traurige, Freude

Dann gab’s just letzte Woche
Jenen wunderbaren Morgen wortloser Gedichte
Wunderbar eben weil
Mein Herz gefüllt war mit Wunder, mit Licht

Im Augenblick des Aufwachens
Übermannt mich stets irgendeine klare Empfindung
Ich liege da und fühle in mir ausklingen etwas
Von dessen Ursprung ich keine Ahnung hab

Doch du bist da mein Ruhepol.
Ein Blick von dir, ein Lächeln, dein Atmen, ein Wort
Deine Stimme ist die Versicherung der Normalität
Beruhigt sanft mein wildes Herz – alles wird gut.

– Che Chidi Chukwumerije.

JETZT

Lebe die Gegenwart für sich
Gib nicht die Mühe, sondern gib Dich

Schaffe nicht, um später zu genießen
Er sucht nicht die See, der Fluß, er liebt das Fließen

Der Weg ist nicht das Ziel
Denn es gibt weder Weg noch Ziel

Es gibt nur das Leben und den Augenblick
Dein Leben in diesem Augenblick ist Dein Geschick

Jeden Tag über der Arbeit gebückt
Holt man nicht in der Rente zurück

Drum aus dem täglichen Leben
Alles nehmen, ihm alles geben

Die Realität ist die Gegenwart
Und das Tor in den ewigen Innengart
Das Paradies ist kein fernes Land
Das Paradies ist ein Zustand.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.
aus meinem Gedichtband “Innengart“.

ES WIRD WIEDER

Das Leben ist Verlust und Niederlage
Und deren Akzeptanz

Das Leben ist Veränderung und Wandel
Und Bewegung und Kohlentanz

Ist Wachsen und Reifen
Und älter und weiser werden

Es ist trauern und weinen und nachdenken…
Und lachen… denn es wird alles wieder gut werden.

– Che Chidi Chukwumerije.

SOMMERLEID

Jeden Tag
Sei er auch wie er mag
Öffnet sich mein rundes Fenster
Und die Welt
Egal, wie sie sich gerade entwickelt
Will dringend zu mir hinein
Während ich, ach ich
Wie üblich
Von Vergangenheit und Zukunft träume
Alles, was ich täglich versäume…

Die Rose blüht, duftet, welkt
Noch eine Liebe ist vorbei
Morgen wird ein Mädchen gemelkt
Seiner aller tiefsten Träumerei

Und sollte sich ein Regenbogen spannen
Und sollte sich irgendwo ein Junge anspannen
Und sollten sich nach und nach Küsse entspannen
Lachweint bittersüß mein Ich
Deins auch.

 – Che Chidi Chukwumerije.

GLASSPIELE

Das Fenster ist ein Klischee
Bevor ich es zerschlage
Rolle ich es lieber vorsichtig runter
Morgen könnte ich es wieder gebrauchen

Nicht umsonst fahren meine Gedanken
In unterschiedlichen Richtungen
Nachts durch die Stadt
Vorhänge zu, Fenster auf und drauf

Da begegnete ich Dir unter einer Brücke
Innige Küsse, brennende bangende Herzen
Ehrlichkeit ist ein Augenblick
Einer kurzen flüchtigen Umarmung

Doch das Fenster ist ein Klischee
Wir fahren an einander vorbei
Beide gucken weg
Und alle schauen zu, daß es klappt.

– Che Chidi Chukwumerije.

VERFÜHREN

Wer fragt
Der führt
Hat er irgendwo gelesen
Und fuhr fort

Wer antwortet
Der verführt
Hat sie irgendwann verstanden
Und hielt Wort.

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHMERZGRENZE

Mein Herz ist warm
Mit Liebe zu Dir
Und voll wie Kokosnussschalen

Drum sag ich Dir
Ich nehm’s Dir nicht übel
Wie Du es brichst mit diesen Qualen

Nur form bitte aus Deinen Palmen
Einen Kelch unter den Trümmern

Fang auf meine Liebe, die da raus tropft
Und halten, und küssen und lindern…

– Che Chidi Chukwumerije