Laufen als wäre das Leben eine kurze Reise und Du hattest keine Zeit mehr Zügig laufen. Bald bist Du ein Greise. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
dichten
PERSÖNLICHKEITSWANDEL
Ist es auch Dir aufgefallen, daß er ein anderer Mensch geworden ist? Und sie auch? Ganz egal wer. Bei uns allen hat jede Persönlichkeitsphase ihre Frist. Ich hatte in der Zwischenzeit vergessen, wie das aussieht, weiße Blüten im kahlen braunen Wald. Unterdessen schreitet die Natur voran, bereit zum Brüten: Ein Schopf weißer Haare hier und da wächst urplötzlich aus kargen Winterästen - Der Wald fragt den Frühling Bist Du nah? Ich erkenne Dich nicht mehr im Entferntesten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GESTERN VERSCHWAND
Gestern verschwand so schnell und wird es täglich wieder tun. Heute ist gestern’s flüchtiger Appell an uns, nicht träge uns auszuruhen. Denn heute ist das fixe Gesicht von gestern einmalig im Entstehen. Wir schreiben vor Mitternacht das Gedicht und so wird es die Welt für immer sehen. Was für ein Moment der Moment ist, was für eine Macht seine Macht hat - den Wachen macht er zum Opportunist, dem Schlafenden bleibt er ein leeres Blatt: Bitte nicht wenden ohne zu verwenden. Ungeschrieben. Ungenau und unbeschrieben. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BAHNHOFSVIERTEL 1
Eine Wechselstube am Hauptbahnhof Der bedrückend foulste Gestank trat ein Alle Kunden drehten sich erschrocken um Starrten irritiert murmelnd die Quelle an Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase Ein Araber drückte die Hand vor die Nase Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase Der Verursacher des üblen Gestanks Holte etwas vom Schalter, ging wieder Er war weder weiß noch asiatisch Noch arabisch noch Schwarz Er war obdachlos. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ÄHNLICH
Du kannst von Weitem kommen Und Nähe ausstrahlen Als hättest Du Platz genommen In mir. Wer wird meine düsteren Innenseiten Mit frohen Farben bemalen Wenn nicht Du, der gekommen ist vom Weiten Zu mir? Distanz, ach!, ist so trügerisch. Trennung, ach!, ist so illusorisch. Unsere Augen trafen sich… Krass, dachten wir, wir sind so ähnlich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE MASKEN WERDEN ECHTER
Die Masken werden echter, dichter, versteckter, sitzen aufrechter als die echten Gesichter. Sie reden klug, sind keine Schwätzer, sie merken, ich werde geschwächter, sie lächeln nett doch ich höre Gelächter - Die Masken sind keine Fratzen mehr, schlechter noch: sie sind das schöne Gesicht unserer Geschlechter. Versteck Dein wahres Gesicht nicht mehr - alle halten Dich eh trotzdem für ein Maskierter. Deine Ehrlichkeit wird Dir Dein bester Wächter. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DURCH MEIN DA-SEIN ALLEIN
Ich lese so viele nachdenkliche Gedanken in den grübelnden Augen und Blicken die an mir vorbei gehen im Büro oder zB am Main. Sie kommen aus einer tiefen Vergangenheit, laufen an mir in der Gegenwart vorbei, gehen in eine für sie ungewisse Zukunft hinein. Was habe ich getan, um so viel Nachdenken bei Menschen auszulösen, die mich nicht kennen, einfach nur durch mein Da-sein allein? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER SEHR NAHE OSTEN
Die Bomben verplomben! Aber wer kann Hassen lassen? Der Osten ist haut Nah Er teilt uns wie ein Keil Unheilbar? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BLAU ALS WÄRE
Gibt es einen Ort - und da würde ich hin, sofort - blau als wäre der Himmel ein Kleid gefertigt aus Freude, gewaschen aus Leid, an- und ausziehbar wie aus Seelentiefen ein Lächeln, das suchende Augen riefen, fern und fließend im Wind wie ein Traum, ruhig und festsitzend wie ein uralter Baum, eng anliegend wie ein verbindendes Eid, ein unendlicher blauer blauer Raum… fast eine Erinnerung, in der wir schliefen… Gibt es irgendwo diesen Ort? Da würde ich hin, und sofort. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALLEIN IN DER MENGE
Es gibt diesen einen Tag Diesen einen Augenblick Während Du mitten in und mit der Menschenmenge läufst In dem Du plötzlich realisierst: Ich bin allein. Du hältst an, stehst still Wie ein Tänzer mitten im Schrei Während unzählige Stimmen Wie Schlagzeuge auf Deine Ohren Antworten zu ungestellten Fragen Hart nieder trommeln. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
