Eine Stunde geht auf Reise Wieder die verlorene Stunde Ein Gast ohne Heimat dreht wieder suchend seine Runde Unentschlossen über Haben oder Sein Ungeschlossen wie der Menschheit Wunde. Die Zeiten verändern sich Die Gewissheit ist in aller Munde. Die Ungewissheit schneidet Kehlen, spaltet Zungen, sprengt Bunde. Während die Stunde immer näher kommt, jede Minute, jede Sekunde. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dichtung
FRÜHLINGS BLUMEN
Sie kommen… Wie Reisende aus einer anderen Welt Besucher aus einer anderen Zeit Breiten sich aus über Flur und Feld Und verleihen ihnen ein neues Kleid Sie kommen… Wie neugierige Kinder aus ihrem Haus Wie Sterne auftauchend aus dem Nichts Drängen ungeduldig in die Welt hinaus Und in mein Herz hinein leichten Gewichts Sie kommen… Wie erregte Liebhaber, langsam, schnell, Plötzlich, auf dem Land und in der Stadt - Naturfarben, schöner als Pastell, In Blume und Baum und Halm und Blatt. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung![]()
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Fotos: Che Chidi Chukwumerije
MACH WAS FÜRS KLIMA
Wie viel Politik kann die Politik verändern?
Erstaunlich wenig ohne Menschen.
Wie viel Welt kann die Welt bewältigen?
Nicht mal ein Dorf ohne den Menschen.
Der Mensch wie der Morgen
ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft;
wie der Senfkorn klein in seiner Herkunft,
groß bei seiner Ankunft;
wie die Nacht, zur Hälfte Tag; wie der Tag, zur Hälfte Nacht;
Wie viel Erde kann der Mensch schützen?
Wie viel Klima kann der Mensch stützen?
Er wird‘s nicht wissen, bis er etwas macht.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FAHRT VON MÜNCHEN NACH FRANKFURT
Es ist kälter in München als in Frankfurt
und wärmer auch –
Es kommt darauf an,
ob Du die Menschen anlachst.
Es ist billiger im Dorf als in der Stadt
und teurer auch –
Es kommt darauf an,
welchen Fehler Du machst.
Ich bin nigerianischer als deutscher
Oder auch nicht –
Es kommt darauf an,
wer mich gerade ausschließen will.
Ich fahre von München nach Frankfurt
Oder auch nicht –
Denn meine Gedanken sind wo ganz anders
und sie bleiben nie still.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS LACHEN DEINES HERZENS
Manchmal läufst Du viele Meilen, an vielen allein laufenden Menschen vorbei, und bist gefühlt immer noch allein. Manchmal singst Du viele Lieder, in mitten vieler schweigender Menschen, und hörst immer noch keinen mitsingen. Manchmal liebst Du viele Menschen, überlässt jedem ein Stück von Dir und bekommst nichts Greifbares zurück. Dennoch lachst Du morgen wieder, denn das Lachen Deines Herzens ist das einzige, was Dich noch am Leben hält. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ERLEBNISFENSTER
Wo soll ich beginnen? Mit Machen oder mit Sinnen? Kein Ende will ich meinen Präferenzen - kein Abebben meinen Potenzen - doch alles Erleben hat seine Grenzen. Ist kurz das Erdenleben? Oder lang, die Fäden, die wir weben? Das Erlebnisfenster lebt in Momenten flüchtenden Sehnens, in Fragmenten von Küssen, Händchenhalten, Argumenten. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Danke, Christine, für den Anstoß.
DRANG NACH ERFÜLLUNG
Ich muss mich zurück ziehen, wie aus Winters’ Atem Frühlings Zug, aus falsch angenommenen Pflichten, aus Selbsttäuschung und Selbstbetrug. Wie oft wollen wir den Himmel stürmen und lassen dabei die Erde außer Acht? Wie oft wollen wir für alles und alle andern leben? Dabei werden unsre wahren Ziele umgebracht. Und schleichend kommt des Geistes Sterben, des Geistes Absterben bei lächelndem Gesicht; Eine Wahl kann doch nicht stimmen, die getroffen wird zwischen Liebe und Pflicht. Eine Menschheit kann doch nicht gedeihen, wenn jedes Ich zutiefst gespalten ist; Frieden und Krieg werden nur wiedergeben, was ich innerlich bin und was Du innerlich bist. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
PARALLEL
Parallelwellen gemeinsam reiten in Parallelwelten; Gedanken, Gefühle und Gezeiten unterscheiden sich voneinander selten; Ob Monde, ob Empfindungen, beide gelten als Drahtzieher jener Erfindungen, die unsre Nächte stets erhellten. Wie Baumwurzeln unterirdisch verbunden mit ner unsichtbaren Liebe, Menschen unwissend aneinander gebunden im geistigen Getriebe; Dichter und Denker weltweit inspiriert durch ähnliche seelischen Antriebe; und Du und ich manchmal parallel geführt von einem Geist durch ähnliche Triebe. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WIEDERGEBURT ALTER SINNEN
Wirst Du mit mir reden? Wenn ich ohne Worte Fragen stelle. Wirst Du meinen Blick erwidern? Wenn ich ohne Augen Dich anschaue. Wirst Du mich lieben? Wenn ich mit Strenge Dich behandle. Wirst Du mich in meinem Inneren erkennen? Wenn ich äußerlich auftaue. Denn der Frühling, er ist da - Das Blut singt wieder im rasenden Rausch der Wiedergeburt alter Sinnen zum Umarmen, was ich vertraue; und zum Verraten: Dein wahres Selbst zeigen, denn der Frühling ist der naive Herbst, ehrlich, noch ohne das Graue. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZÖGERN
Es gibt immer einen Moment, wo es hätte sein können. Wenn einer zögert, verlieren zwei.
Es gibt immer eine Phase: Du unentschieden zwischen zwei Menschen. Wenn einem klar wird, gewinnen drei. Und wenn der Frühling kommt, wird der Sommer als Kind geboren. Und erneut wiederholen sich alle vier.
Wo warst Du, als Du und ich einander trafen im Was hätte sein können? Denn Du warst nicht hier.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

