DAS UNGESCHRIEBENE SCHWINDET WIEDER

Seit zwölf Stunden versuche ich
mich an den Gedanken von gestern Abend
zu erinnern…

Ich habe eine Demo vorbereitet
Ich habe marschiert
Ich habe mich ausgeruht und
Komputerspiele gespielt

Ich bin nun wieder in meinen Kopf eingekehrt
aufgeregt und voller Hoffnung
um die Ecke in mein Gedächtnis hineingeblickt

Doch immer noch fehlt er,
ganz, wie ein Geist –
der schöne tiefe Gedanke von gestern Abend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEULAND

In den Brillen meiner Mitmenschen
erkenne ich, täglich,
daß ich noch Neuland betrete –
Lange nach dem ich Fuß fasste.

Der überraschte Blick überrascht mich
Der irritierte Blick motiviert mich
Der verwirrte Blick ist klarer als gedacht
Klarer noch als der böswillige Blick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ROT IST DAS NEUE GRÜN

Wut und Trauer
Meine Augen waren doch blauer
Als sie sich braun dünkten
Jetzt sind die Tränen dunkel geworden
Gefärbt von Herzblut
Blut! Blut! Rot ist das neue Grün
Blut der Regen
Denn die Zukunft will keimen und wachsen
Doch die Vergangenheit schlägt immer zurück –
Jetzt bin ich schlauer. Aber nicht zu spät.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNRUHIGE GENERATION

Was wird aus deren Schrei nach Ruhe?
Sollen sie lauter als die Unruhestifter selbst schreien,
Um gehört zu werden?
Oder sollen sie schweigen, um gehört zu werden?

Gehört und geduldet.
Wer hört die Innere Stimme, wenn sie schreit?
Wir hören nur ihr Schweigen, wenn sie schweigt
Und wir nicht mehr wissen, was wir sagen sollen.

Drum, schreiet, Kinder, seiet laut
Durchzieht die raue Oberfläche der Welt mit Gänsehaut
Die Zukunft haben Euch Eure Eltern geklaut
Klaut ihnen nun die Vergangenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH EINER BESSEREN MENSCHHEIT

Laß sie nicht allein gehen, die
Die in der Nacht wandern
Sie öffnen mit ihren Augen uns den Tag

Ihre Füße sind keine Schuhe
Sie sind Staubsauger, Glasscherbenkehrer
Schlangengegengift, Bahnbrecher
Raumsonden, Zeitreisenden
Und wo sie enden, im Treibsand versunken
Da fangen wir an.

Steh mit denen, die in Protest aufstehen!
Sitze mit denen, die in Protest sich setzen!
Wer andere für sich kämpfen und sterben läßt
Für den war es nicht wert, zu kämpfen und zu sterben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STATIONEN DER SELBSTFINDUNG

Wann ist eine Beziehung zu Ende?
Am Anfang, als wir zusammen kamen
Ohne zu verstehen, daß wir uns nicht verstehen?

In der Mitte, als wir weitermachten
In der Annahme, auf dem richtigen Weg zu sein?

Am Ende, als wir uns trennten
Weil wir beide schließlich die Wahrheit erkannten?

Oder Jahre später, als wir endlich
Echte Freunde wurden?
Wann ist eine Liebesbeziehung zu Ende?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LICHTHORT

Die Nacht jagt mich
Ich flüchte
Durch die Nacht
In der Nacht
In die Nacht
Es gibt keinen Tag in der Nacht
Die einzige Zuflucht, die es gibt,
Ist meine Seele.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABHÄNGIGKEIT

Ich hielt den Atem an
Überließ Dir den Sauerstoff
Wurde zum Baum

Du läufst an mir vorbei
Sitzt in meinem Schatten
Beachtest mich kaum

Wenn Du atmest, atme ich
Wenn ich sterbe, stirbst Du
Zurück bleibt nur unser Traum

Traum von Freiheit und Freude
Traum von Wahrheit und Wurde
Traum von Lebensraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOMISCHES VIRUS

In Nigeria gehen die Menschen
Millionenstark protestierend auf die Straßen
Die Zahl der Infizierten steigt nicht…

Wahrscheinlich weil sie sich klugerweise
Nicht gegen das Virus protestieren
Sondern gegen polizeiliche Gewalt –
Das Virus läßt sie dankend in Ruhe.

In Deutschland huschen die Menschen
Brav maskiert überall hin und her
Die Zahl der Infizierten steigt rasant…
Da fällt mir nichts ein
Was das Virus hier damit erreichen will.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS FALSCHE LACHEN

Wie eine freundliche Flagge
Flatterte ich Dir entgegen,
Ein brüderlicher Gruß voller Vertrauen

Doch Du lachtest…
Es war kein unfreundliches Lachen, aber
Irgendwo im Neben- oder Unter- oder Nachklang
Dieses Lachens war kein Lachen
Sondern Gelächter, über mich.

Dir war meine Flagge wohl zu leicht
Zu unwesentlich
Du merktest nicht, daß Du der Wind warst
Der mich in der Sonne richtete und
Fröhlich flattern ließ…

Sondern Du lachtest, die Brise starb
Meine Flagge löste sich von meinen Lippen
Und machte die lange einsame Reise zum Boden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung