ALTE LIEDER

Deine Musik füllt mich
Du früherer Ich
Wer hätte gedacht
damals als wir sie gemacht
haben und geweint und gelacht
und an die Zukunft gedacht
daß ich in der Zukunft
Dich so sehr vermissen würde?
Deine Einfachheit, Deine Kindlichkeit
Deine Ehrlichkeit, Deine natürliche Würde
Wir dachten, jene Vergangenheit
war eine Hürde –
Aber heute weiß ich, was Du nicht wusstest:
Diese leere Zukunft ist die schwerste Bürde
Ohne Dich
Nein, ohne mich.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SELBSTTÄUSCHENDE RASSISMUS

Der Rassismus ist ein blinder Fleck.
Die rassistischsten merken es nicht
oder wollen es nicht merken;
In ihren Schwächen
preisen sie sich ihre Stärken;
Doch erkennen werdet Ihr sie
an ihren Werken:
Fremden weh tun ist versteckt ihr Daseinszweck.
Und das sind die Besten.
Was mag denn stecken in den Resten?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENWÄRTIG

Ich erinnere mich an Dinge
die ich nie gemacht habe
und vergesse diejenigen
die ich einst machte

Ich erinnere mich an Menschen
die ich fast, und doch nicht, küsste
und habe diejenigen längst vergessen
die ich mehrmals verschlang in der Nacht.

Ich erinnere mich an die Zukunft
die ich so sehr haben wollte
und vergesse schnell die Vergangenheit
die ich rasch durcheilte.

Und am Ende meiner Tage
stehe ich da mit leeren Händen
ohne Vergangenheit, ohne Zukunft
in einem abgelaufenen Augenblick.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERNSTE GESICHTER

Morgen gehe ich hinein in die Welt –
Jedem, dem ich begegne,
schulde ich ein Lächeln. Ihr werdet
es aber nicht auf meinem Gesicht sehen
denn ich habe gelernt: niemals
bin ich nackter
und ungeschützter
als in dem Moment, an dem
ich Dir das immerwährende Lächeln zeige,
das sich hinter meiner Maske verbirgt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SELBEN AKTEURE

Was hat ein Politiker
in der Welt der Poesie zu suchen?
Dichter erzählen ja für gewöhnlich die nackte Wahrheit.

Was hat ein Musiker
in der Welt der Wirtschaft zu suchen?
Ökonomen interessieren sich für Dein Geld,
nicht für Deine Seele.

Was hat der Otto Normalbürger
In der Welt von Entscheidungsträgern zu suchen?
Sie denken
Sie hören ja nur auf Lobbyisten.

Bis ich genauer hinsah
und sah: Es war die ganze Zeit
der selbe Mensch, mal im Anzug,
mal in Jogginghose, mal als Frau, mal als Mann,
Mal als Ausländer, mal als Einheimischer,
Mal als Wahrhaftiger, mal als Lügner.
Ich sah die ganze Gesellschaft in Dir
Und Dich in jedem Fremden auf der Straße.
Und die Stadt war mir vertraut.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEHMEN

Willst Du es mir zeigen?
Mach Dein Fenster auf
Lass es offen stehen in der Nacht
Ich komme nach Mitternacht

Willst Du es mir geben?
Sperr Deine Seele auf
Lass mich nehmen, was ich will
Gib mir die freie Wahl

Willst Du es mir sagen?
Öffne Dein Tagebuch
Schließ Deinen Lügenmund
Ich lese Dich und reibe Dich wund
Die Wahrheit schreit aus Deinem Abgrund.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLICKENTEPPICH

Zwei Lichtstrahlen
wie Fäden in einem persischen Teppich
bewegen sich fast unabsichtlich
auf einander zu –

Und sie sind die zwei Seiten einer Gesellschaft.

Und wie wohl Du mit Deinen Augen
ihren Pfaden folgst, ist es schwer
im Wirrwarr-Miteinanders des Durcheinanders
der Gesellschaft zu erkennen, ob sie sich treffen.

Nur das sprachlose Herz durchblickt die Gesellschaft.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DIE SEHNSUCHT STIRBT

Irgendwann habe ich keine Worte mehr
um über den Tod der Sprache zu singen;
Irgendwann macht es keinen Sinn mehr,
dem Fehlen von Sinn Aufmerksamkeit zu bringen;
Irgendwann gibt es keine Sehnsucht mehr,
und keiner wird es wahrnehmen wollen;
Denn ohne die Sehnsucht wird ihr Vorhandensein keiner wahrhaben wollen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGENÜTZTES POTENZIAL

Wie viele Träger der Zukunft Deutschlands
laufen ziellos herum,
mit dem großen unsichtbaren Stempel
auf ihrem Rücken:
AUSLÄNDER?

Deutschland, schaue in den Spiegel

Erkenne Deine Stärken –
die sehen heute vielleicht manchmal
ein bisschen anders aus als einst gestern
aber sie sind Deine Stärken.
Erkenne Dich.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FEINE KRAFT

Ich höre
über weite Distanzen
die Stimmen von Freunden

Egal wie leise sie klingen
übertönen sie
den Lärm von Feinden

Die Liebe verstorbener Geliebten
schützt mich immer noch vor dem Haß
aller als lebendig geltenden Toten.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung