EWIGES GEDÄCHTNIS

Und das Herz ist ein bodenloses Faß
Das sich erinnert an alles, was der Kopf vergaß
Und sein Gedächtnis trägt in seinem Ausmaß
Die Grenzen von Schmerz und Freude, von Liebe und Haß
In der täglichen Grenzenlosigkeit
Von Zeit gegenwärtig in aller Ewigkeit.
Mein kleines Herz – und eng, und tief, und weit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE WAHREN GESICHTER

Die Masken machen eh keinen Unterschied
Wir hatten sie immer an.
Und selbst nach dem das Virus gebändigt ist
Bleiben die Masken – wie immer – an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN MITTEN DER GESELLSCHAFT

Ich greife nach der Gesellschaft
Wie ein Kind nach seiner Mutter greift
Wir ein Ertrinkender, den ein Halm streift
Wie ein Träumer nach einem Gedanken,
den er fast begreift –
Und er schleift und schleift an seinem Begreifenkönnen,
bis er nach und nach heranreift
und wird selbst zur Antwort seiner eigenen Frage
und einem neuen Teil seiner Gesellschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU BIST MEIN TAG

Als ich Dich verlassen wollte
Blieb der Tag stehen
Und er hinderte mich am Weitergehen
Denn er verweigerte mir, was ich wollte
Ich wollte die Nacht.

Ich war müde und konnte mich nicht ausruhen
Denn ich fand keine Nacht
Ich war einsam, konnte mich aber nicht binden
Denn ich war innerlich noch nicht getrennt
Und fand keine Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANPRALL

Freunde tauchen aus dem Nichts aus,
Verwirrt, und überrascht von der Freundschaft,
Wie Rehe im Scheinwerferlicht zu Hause
In der faszinierenden Gefangenschaft.

Du möchtest fliehen vor dem Licht,
Hast aber keine Lust mehr auf die Dunkelheit:
Der feuchte Wald und Du ganz allein
Mit nur Deine Fantasie um Dich zu wärmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ALT WERDEN

Der Abend ist das Versprechen des Morgens
Die Nacht sein Geschenk
Das Alter ist ein Geschenk
Nicht jeder lebt lang genug, um es zu bekommen

Was ist schöner als Deine Falten?
Der Tag mußte lang reisen, um die Nacht zu küssen
Ich werde alle Deine Falten zart küssen
In der Reihenfolge, in der sie erscheinen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITSPRACHERECHT

Der Adler fliegt auch für mich
Und sagte mir
Ich bin der Widerhall auch Deiner Inneren Stimme
Wenn Du willst –
Du musst nur laut genug reden
Mitreden
Und Dich nie mundtot machen lassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

CARPE DIEM

Meine Tage sind wie Stufen
einer Treppe, nur weiß ich nicht,
wo sie mich hinführen. Kein Ende in Sicht,
ist alles, was sie pausenlos rufen.

Noch ein Tag neigt sich seinem Ende
Das Verschwindende war mal das Kommende
– des Lebens schnell verfallende Pfänder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHSEIN UND ICHSEIN

Wie viele Grenzen habe ich überquert
Auf der Zugreise von Frankfurt nach Berlin?
Die Hauptfrage war anfänglich:
Bin ich Deutsch genug, um Mensch sein zu dürfen
Auf deutscher Bühne?
Jeder Frage gebar eine Folgefrage,
Bis am Schluß die Frage lautete:
Ist Deutsch Mensch genug, um mich gewähren zu lassen
Im deutschen Wesen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURST

Schnelle Nummer
Schneller Sommer
Denn die Nacht ist Herbst
Meine Lust ist ernst

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung