ZWEITER SCHNEEVERSUCH

Ein bißchen Schnee
Wie aus Versehen ausgerutscht
Von himmlischer Hand
Und den langen luftigen Weg bis zur Erde
Herunter geirrt, schwebend
Winzige einzelne Schneeflösklein
In der Luft jedes für sich allein
Den eigenen Weg suchend, bahnend
Bis sie alle die Erde berühren
Und dort einander wiedertreffen
Zum ersten Mal
Seit dem sie ihre Heimat verließen
Und zum letzten Mal bevor sie verschmelzen…

Ein schöner leiser Vormittag
Besänftigt und geweicht vom
Zweiten Schneeversuch des Jahres Ende
Eingeweiht mit Weihrauchkörnchen
Die das Bild der vorbeifließenden Autos verlangsamen
Und deren Murmeln nach und nach dämpfen
Still muß es langsam werden
Denn die Heilige Nacht kehrt bald zurück.

In der Stadt und auf dem Lande
Im Berge und Dorf, im Büro und Zuhause
Im Auto und Zug und Flugzeug
Und im einsamen Boot bei der letzten Segelfahrt
In mir und in Dir
Im Wald und drüben im Park
Überall, wo es Mensch und Tier gibt
Heben alle die Augen kurz hoch
Und reden lautlos mit dem zweiten Schnee –
Ob er liegen bleiben wird,
Im Gegensatz zum Ersten, Vergessenen, Verschwundenen
Von Vorvorgestern…

Still sollte es ja langsam werden
Denn die Heilige Nacht ist bald mit uns.

– Che Chidi Chukwumerije

ERWACHSEN

Karg sind die Bäume
Karg geschoren meine erwachsenen Träume
Silhouetten in der Nacht
Stille Post, stille Fracht

Das Kind in mir redet, doch geschwind
Der vorbei flüsternde Dezemberwind
Nimmt die Hälfte seiner Worte mit
Überläßt dem Erwachsenen somit nur ein Bit

Erinnern tut er sich nicht mehr
An mehr als ein wenig Inhalt da und hier –
Nicht das Kind an sich ist jetzt erwachsen
Sondern dem Kinde wurde entwachsen

Das eine schwebt im Licht und entfernt sich immer mehr
Der andere, im Dunkel, grübelt, schwer, leer
Wie er die Weltprobleme lösen kann
Die er selber erschuf und ersann.

– Che Chidi Chukwumerije.

SUCHE WEITER

Der Mensch warte lieber auf seinen Seelenheil
Als beim Teufel mittlerweile zu weil’
Kurz wird die Zeit, egal wie geil
Und kürzer noch: ihm wird die Ewigkeit nicht zu Teil.

– Che Chidi Chukwumerije.

KINDER LASSEN UNS KINDER SEIN

Wenn man Kinder Kinder sein lässt und kindlich, fühlt sich auch unser inneres Kind dazu ermuntert, sich wieder auszuleben und das Leben mit zu erleben.

Es fühlt sich verstanden, gewollt, geliebt und vor allem geschützt; wagt sich aus seinem Versteck heraus, um selbst nach dem Wirken zu streben.

Es bereichert unsere Umgebung, verschönert unseren Alltag; und wo wir vorher nur genommen haben, fangen wir wieder an, etwas Wertvolles zurück zu geben.

Wer Kinder liebt und das Kindliche wirken lässt, der ist ein Kind der Schöpfung, und den liebt Gott, Vater alles rein Kindlichen, denn Er ist der Stock und wir die Reben.

– Che Chidi Chukwumerije.

ABSICHT

Wichtiger als die Tat ist die Absicht
Manch ein grobes Wort, das man spricht
Verbirgt die Tatsache, daß hinter einem Gesicht
Ein gutes Herz leben könnte, belebt durch Licht.

Auf die rasche Antwort, Mensch, verzicht‘…
Denn das Leben, es ist ein Gedicht
Lies jeden Menschen langsam und mit Vorsicht
Bis Dir seine Absicht langsam einbricht

Deine Haut sei dick, Deine Haut sei dicht
Ob etwas sich gut anfühlt oder ob es sticht
Warte trotzdem mit Deinem Gericht
Denn wichtiger als die Tat ist die wahre Absicht

Schicht unter Schicht hinter Schicht neben Schicht
So sieht es aus hinter des Menschen Angesicht
Einfach und schlicht ist es wirklich nicht
Und verbirgt hier eine böse, dort eine gute, Absicht.

– Che Chidi Chukwumerije

AUSSERHALB

Ich habe schon drei gelesen,
Drei geöffnet, bin schon drei gewesen –
Drei Bücher, drei Schatztücher,
Drei Besucher –
Und habe getrieben, immer, Wucher
Denn alles mir Abverlangte
Erbeutete ich stets mehrfach zurück
Wenn ich beiße, nehme ich ein gutes Stück
Dessen, nach dem ich verlangte
Denn ich liebe über alles die Liebe
Und ich suche vor allem die Sehnsucht
Und ich fürchte keineswegs die Herzdiebe
Es versetzt mich nichts in die Flucht –
Alles kann ich verlieren
Ich werde es mehrfach zurück gewinnen.
Doch ich würde sofort erfrieren
Gäbe es Dich nicht mehr in mir hier drinnen.

Jeden Tag brauch ich Dich
Jeden Augenblick, denn Du bist anders –
Teil von mir, unentbehrlich,
Dich gibt es nirgend wo anders.

– Che Chidi Chukwumerije

DILEMMA

Egal wo man anfängt
Egal wie
Egal wo man seine Träume aufhängt
Schmerzen sie
Denn alles Unerfüllte jagt uns für immer,
Unausweichbar, ein geistiges Dilemma.

Politik und Wirtschaft
Arbeit und Wissenschaft
Liebe und Freundschaft
Schwäche und Feindseligkeit –
Wir suchen und suchen, aber nach was?
Der Gral ruft ewig ohne Unterlaß
Selbst die Kunst stillt es nimmer
Stets stört es uns, das geistige Dilemma.

Träger einer Dauersehnsucht
Nachts brennt sie heller –
Nur nachts kann Cinderella
Das finden, was sie sucht –
Ohne Sträuben, gib Dich hin
Fließe mit, egal wohin
Das ist Deines Lebens Sinn
Denn Du steckst schon drin.

– Che Chidi Chukwumerije

DES LEBENS GEDICHT

Alles, aber auch nur alles
Alles, was Du Dir nur vorstellen kannst –
Alles, aber wirklich alles
Alles, was Du weißt und denkst und ahnst
Und denkst, daß Du kannst,
Unscheinbares und Monumentales
Alles, was Dir je einfallen könnte,
In tausend Jahren noch einfallen wird,
Auf Deinen Wissensberg sich noch thrönte,
Mit neuen Erkenntnissen Dich krönte,
Alles, was Dir Weisheit beschert
Und Dich Neues immer wieder aufs Neue belehrt,
Alles, was Du Dir gönntest und mehr
Alles, was Du einst hattest und findest aber nimmermehr
Jede Grenze, jeder Gipfel, jeder Endpunkt
Jeder Traum, der schimmert und prunkt
Und näher rückt, ewig näher und näher,
Jede ewige Idee, die noch funkt,
Alles Streben und alles Erreichen
Und alles Ankommen und weiter hoffen –
Entrungenes aller ent-inkarnierten Leichen
Und deren Zeiten, einst; alle Möglichkeiten noch offen,
Alles kann und wird übertroffen.

Der Du heute bist
Wirst Du nimmer wieder werden
Auf dieser reisenden Erden –
Kurz ist die große Frist
Denn es gibt immer Höheres im Lebensgetriebe
Übertroffen wird alles, nur eines nicht
Und das ist die einfache wahre Liebe,
Des Lebens ewiges Gedicht.

– Che Chidi Chukwumerije.

DIE GRENZE

An der Grenze wurde ich selten kontrolliert
Doch von den Augen und durch das Verhalten vieler
Werde ich täglich kontrolliert..

An der Grenze wurde ich nie zurück gewiesen
Doch durch die Blicke, die Worte und das Verhalten vieler
Werde ich täglich zurück gewiesen..

Aus dem Land wurde ich nie ausgeschlossen
Doch in dem System werden mir die Grenzen gesetzt.

Die Außengrenzen sind mitunter Schauplatz innenpolitischer Machtkämpfe –
Die wahre Grenze verläuft innerlich und unsichtbar –
Korrigierung: sie verläuft sichtbar.

Viele, die sich längst integriert haben
Oder sogar bereits integriert geboren wurden
Stehen noch an der Grenze und werden nicht hinein gelassen
Denn das Herz ist die einzig wahre Grenze.

Deutsch, das habe ich innerlich erlebt und begriffen, ist eine Art. Je nach freiem Willen artet es sich jedoch unterschiedlich aus. Daraus bilden sich zwei Gruppen: Die eine spürt den Deutschen in mir; die andere wird – so bald sie kann – auf allen Ebenen mich ausgrenzen.

Dennoch bleibe ich deutsch – auch wenn ich Afrikaner, Nigerianer, Igbo, im Ausland geboren bin, und unter anderem engagiert für die Entwicklung, den Frieden und die Verbesserung jenes angeblich so fremden Erdteils arbeite. Denn deutsch sein ist was anderes – ist anders sein. Ist eigen sein. Ist deutsch sein eben. Entweder bist Du es oder Du bist es nicht. Aber deutsch sein ohne Mensch sein – das geht nicht. Das geht nicht mehr. Auch das ist deutsch sein – danach strebten die Gründer unseres Geistes. Für dessen Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung tragen wir alle Verantwortung.

Mich kann niemand ausgrenzen; ich bin einer unter uns und ruhe in mir – und werde daran zugrunde gehen, ich weiß. Denn ich schwarz. Und das obwohl ich deutsch. Komisch.

Aber es macht nichts, denn in unzähligen Herzen bin ich für immer Zuhause. Ich, Mensch.

– Che Chidi Chukwumerije

TIEFER SCHMERZ

Weil ich gelitten habe
Redet die Nacht, und sachte, mit mir
Und die Nacht wird sachter und sachter
Und sachter immer mehr…

Und dann kommt das Meer
Und sehnt schreiend sich nach Befreiung
Denn ich habe es gefesselt und gefangen
Tief in mir.

– Che Chidi Chukwumerije