Am Schönsten ist nicht immer am Tiefsten. Vorsicht: Wen nennst Du da Deinen liebsten? Ein schönes Gefängnis ist ein Gefängnis; Freiheit ist die schönere Schönheit, Alleinsein ist besser als Einsamkeit, Ein goldener Käfig ist ein Käfig. Wenn der Wald in mir anfängt zu reden, Versteht der Wald in Dir? Oder ist Dein Eden Hort eines anderen Baums der Erkenntnis? Eine andere Eva, eine andere Schlange, Ein anderer Adam. Eine andere Wange Spürt Deine Tränen, mit mehr Verständnis. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
über Leiden
DIE KRIEGE DAUERN NOCH AN
Die Kriege dauern noch an Sie haben nicht gemerkt, daß es ein neues Jahr ist - Trauernde Menschen trauern noch Suchende Geister suchen noch weiter Sterbende Freundschaften sind weiterhin am Sterben Verwirrte Köpfe wurden noch nicht gescheiter Kaputte Beziehungen sind noch kaputt Enge Herzen wurden nach Silvester nicht breiter Die in einem Gefühlsloch steckten, warten immer noch auf eine Himmelsleiter Warst Du es vorher nicht, bist Du wahrscheinlich immer noch nicht heiter Was nützt dem Verstand der Weg ins Neue ohne die Empfindung als Wegbereiter? Die Kriege dauern noch an Sie haben nicht gemerkt, daß es ein neues Jahr ist. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BAHNHOFSVIERTEL 1
Eine Wechselstube am Hauptbahnhof Der bedrückend foulste Gestank trat ein Alle Kunden drehten sich erschrocken um Starrten irritiert murmelnd die Quelle an Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase Ein Araber drückte die Hand vor die Nase Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase Der Verursacher des üblen Gestanks Holte etwas vom Schalter, ging wieder Er war weder weiß noch asiatisch Noch arabisch noch Schwarz Er war obdachlos. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINFACH WEITER SCHREIBEN
Das Gedicht endete so schnell, So plötzlich, brauchte keinen Reim, Ein Leben, intensiv und hell, Bald ist der Geist wieder Daheim. Meine allergrößte Schwäche Ist die lebenslange Unfähigkeit, Zuzugeben meine größte Schwäche: Die unheilbare Einsamkeit. Kein Fremdland kann einsetzen, Was in der Heimat fehlt - Kein Fremdgang kann ersetzen, Was Dir die Ehe stehlt. Und währenddessen endet Das Gedicht insgeheim. Dein Schmerz hat Dir geblendet - Es hatte doch seinen Reim. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ANGEFASST IST NICHT BERÜHRT
Dieser Moment danach - Alles Anfassbare angefasst Gegenseitig Und sich immer noch nicht berührt Oder gerührt Innenseitig - Gegenwärtig bleibt die seltsame Distanz Alles Fassbare noch nicht erfasst - - Nur Leere, All-Einsamkeit Unterschwellig. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINSAM IST DAS DICHTEN
Einsam ist die Dichterin, der Dichter, Ein Mensch unter tausend Gedanken. Und Du, seine Richterin oder Richter, denk doch zuerst an dieses Innengeflüster, bevor Du anfängst, mit ihr oder ihm zu zanken. Wir sind mehr als Rasse oder Farbe, mehr als Geschlecht oder Gender, mehr als Kultur oder Klasse oder Behinderung, Orientierung, Bildung, mehr als politisches Agenda. Wir sind die Nacht, wir bergen Geheimnisse, von denen sogar wir noch nichts wissen, bis sie raus schlüpfen, namens Gedichte. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KLEIN IST GROSS
Nicht große Dinge verletzen, sondern kleine. Nicht grobe Verrate perplexen, sondern feine. Vertraute, die über Dich schwätzen - schmerzlicher als Steine. Fremde, die Dich falsch einschätzen und Du bist alleine. Schmal ist der Pfad, eng die Tür, eine Wunde der Fluss, der führt zu mir. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MÜHSAME BEGEGNUNGEN
Schwarz ist ein Magnet, zieht weiße Herrschsucht an, egal wie groß das Schwarz steht, egal wie klein das Weiß kann - Die Art scheint die Art zu wecken. Geschichte war für solche nur Blut lecken. Das Bewusstsein läßt sich nicht verstecken, nur bekämpfen und besiegen irgendwann in jeder Begegnung mit Frau und Mann. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZWEI STAATEN, EIN LAND
Zwei Völker Zwei Herzen Zwei Sprachen Zwei Glauben Zwei Welten Zwei Staaten Ein Land. Wer reicht, wer akzeptiert, ehrlich die Freundschaftshand? Wann gewinnt Versöhnung beiderseits die Oberhand? Religion ist niemals des Glückes Unterpfand. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ERDBESUCHER
Hier bin ich doch nicht Zuhause Die Frage ist nicht, ob ich gehen werde Sondern wann. Eine riesengroße Erde Voller Heimatlose suchend ohne Pause Und findend nur mehr Heimatlose Die wie sie nicht teilen wollen Eine kleine Erde, die wir alle teilen sollen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
