GLAUBE AN DEN WEG

Ich lebe für die Zeit nach meinem Leben,
für gewöhnlich die Zeit nach meinem Tod genannt;
So habe ich das jetzige Leben irgendwann vorbereitet
und es aus meinem Gedächtnis wohl gebannt.

Denn irgendwas in mir kennt den Weg.

Du wirst tausend Gründe hören,
warum es Armut und Leid und Krieg geben muss –
und warum keiner irgendwas dagegen tun kann –
schenk ihnen keinen Glauben, hebe Deinen Fuß

und folge der Liebe stur auf ihrem Weg.

Es ist der Weg der Solidarität,
der Weg der Nächstenliebe, der Menschlichkeit;
Machen wir die Erde licht, werden unsere Zukunftskinder
der gleichen Art sein wie ihre Vergangenheit.

Das und kein anderer ist der Weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITTE

Irgendjemand geht immer leer aus
Manche gehen unter die Brücke
Manche gehen nach Haus
Es wohnt eine Lücke
in unserer Mitte.
Fehlende Sitte.
Eine Bitte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN MONATSGEHALT

Sie stand vor dem Laden
Die Distanz zwischen ihm und ihr
war genau ein Monatsgehalt

Nachdenklich lief sie weiter
Ein Paar Straßen später machte sie
vor einem anderen Gebäude halt.

Sie stand vor der Tafel
Die Distanz zwischen ihr und ihr
war genau ein Monatsgehalt.

Wenn Du schonmal oben warst
und schonmal unten warst
findest Du nur im Inneren Deinen Halt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLEICHBERECHTIGUNG

Es wird langsam Zeit
zu gehen nicht mehr allein
sondern zusammen, zu zweit,
Dein linkes ist mein rechtes Bein.

Es ist soweit
zu schlagen nicht mehr getrennt
sondern zu mehrt in Tapferkeit
weil Euer Herz in meinem brennt.

Wer ist bereit
zu vertrauen und Liebe zu wagen?
Ich gebe Dir treu Begleit;
öffne Dich, trete hervor; nicht zagen.

Die Welt liegt im Streit
mit dem Ringen selbst nach Freiheit.
Gute Geister, schreit Frieden, schreit!
Wir haben keine Angst vor Gleichheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOLIDARITÄT MIT ALLEN SCHWÄCHEREN

Wir sollen nun kalt duschen –
Das ist bereits eine kalte Dusche,
denn nicht alle werden kalt duschen.

Im Osten führen die Russen
Krieg gegen die Ukrainer.
Aus Solidarität führen im Westen
die Reichen Krieg gegen die Armen.

Hauptsache am Ende des Krieges
sind die Mächtigen mächtiger,
die Schwachen schwächer, die Reichen
reicher und die Armen ärmer. Überall.

Wir sollen nun kalt duschen –
Das ist bereits eine kalte Dusche,
denn nicht alle werden kalt duschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MACHT ARMUT UNSICHTBAR?

Es ist erstaunlich
wie viele Menschen
täglich an Armut vorbei gehen
ohne sie zu sehen –

Wie schafft die Armut das nur?
Mitten im reichen Land zu leben
unsichtbar in der Luft schweben

Immer größer werdend und kleiner,
verharmlost, täglich allgemeiner

Jedermann, Jedefrau, niemand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄRMER TROTZ ETKENNTNISSEN

Viele Menschen werden ärmer werden,
reicher nur an Erkenntnissen.
Manche Länder werden reicher werden,
ärmer jedoch in ihrem Gewissen.

Wie könnte die Zukunft derart werden,
nach all den Menschheitserlebnissen,
daß wir wieder langsam gefangen werden
in den heutigen Geschehnissen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EREIGNISHORIZONT

Manche ziehen die Masken schon runter
Andere haben sie noch an
Beide zeigen ihr wahres Gesicht

Maskenträger gibt es keine mehr
Faktenchecker noch weniger
Wahrhaftige und Fake sind beide echt.

Nur die eigene Wahrheit fällt nun ins Gewicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLEICHNIS

Mehr Menschen werden arm werden
Weniger werden reich
Die Armut breitet sich aus auf Erden
Und macht am Ende alle gleich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRUPPENURTEIL

Als er am Flughafen landete, ahnte er nicht,
daß er nicht alleine unterwegs gewesen war,
sondern das Ansehen seiner Herkunft mitschleppte
und die ganzen Vorurteile ihr gegenüber sogar.

Alle starrten ihn an, doch irgendwann verstand er,
daß keiner ihn als Einzelmensch wirklich sah.
Er verlor zweifach seine Anonymität. Umgekehrt
sichtbar und unsichtbar, verlor sich selbst beinah.

Wie die große weite Welt kleiner sein kann
als ein kleiner Heimatort, ist ein Rätsel,
das manch einen Weltwanderer oft verblüfft.
Vielen wird die Freiheit schließlich zur Fessel.

Gott urteilt Dich persönlich. Der Mensch selten -
sei das gerecht oder ungerecht, tiefsinnig oder seicht.
Es ist fast egal, was Du als Einzelner tust -
Wichtig ist nur, was Ihr als Community erreicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung