PAUSE

Auch der Gehstock braucht
Eine Wand zum Anlehnen, der Baum
Braucht die Nacht zum Abkühlen,
Der Vater braucht die Erinnerung
An seinen Vater, um seinem eigenen inneren Kind
Eine Schutzempfindung zu vermitteln. Ich kann
Nicht immer Kraft spenden; ich
Muß mich von Vielem abwenden an
Meiner Lebensphase Abenden. Es sind
Keine Launen. Ich brauche einfach nur
Ab und zu meine Ruhe, aus der ich
Neue Kraft und Orientierung schöpfe.
Wem das nicht passt, dem passiert es zurecht.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LOTUS ADE

Langsam rückt näher
Der schwere Abschied
Die Distanz kurz und leer
Zwischen mir und dem Meer
Tote Stille. Dunkler Fried.

Doch Trennung muß sein
Immer und immer wieder
Tauchen wir blind hinein
In den schattigen blauen Hain
Hinterlassen dort unsere Lieder.

Und wenn eine Lotusblüte
Sanft vorbei schwebt
Erweckt diese Wundertüte
Die Reinheit und die Güte
Die an unserer Erinnerung klebt.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

INDIEN

Land der Gegensätze
Der Seelenschätze
Besetzst tausend Plätze
In meinen Seelenhüllen
Spinnst Deine Netze
In meinen Gefühlen

Sicher habe ich Dich mal
Gekannt, geliebt, verlassen
Es war (mehr als) einmal
Mein Fuß auf Deinen Straßen
Gelernt und erlebt Lieben und Hassen
In Deinen Dörfern und Gassen

Und die Stufen des Betens
Des Himmelsleiter Betretens
Des Gnadenarten Erbetens
Habe ich hier ertastet
Die Erkenntnis des Gottanbetens
Die noch auf mir lastet.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

ZWEI FRAUEN

Zwei Frauen liebten mich
Und als ich keine zurück
Liebte,

Verließ die andere mich
Und die eine blieb zurück,
Die ich liebte.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Jahr der deutschen Dichtung

WACHSAMKEIT

Irgendwas stört mich
Und ich weiß nicht, was.
Kennt Ihr das?

Ich habe irgendwas falsch gemacht
Mir nichts oder das Falsche dabei gedacht
Und bin zu spät danach aufgewacht –

Ich kann nicht wieder einschlafen…
Und dann verstehe ich:
Ich soll nicht wieder einschlafen!

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

DIE WELT IST NICHT GENUG

Egal wie weit
Raum und Zeit
Zu zweit ist zu zweit

Ich trinke Augen
Lasse mich in Blicke einsaugen
Die zu vielem taugen

Verbindungen durch und quer
Mein Herz ist schwer
Meine Hände sind leer

Die Welt ist zu klein
Das erfüllte und erfüllende Sein
Gibt‘s Zuhause allein.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

EINFACH SCHWER

Ich habe gelernt
Mich nicht einfacher zu machen

Einfacher zu verstehen.
Oder viel zu schnell zu lachen.

Einfacher zu folgen
Einfacher zu begreifen, zu erreichen

Ich bin schon einfach genug
Mein bester Schutz – schwer auszuweichen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

BRICH MIR DAS HERZ, DAMIT ICH SINGEN KANN

Brich mir das Herz, damit ich singen kann
Schenk mir den Schmerz, der zur Wahrheit zwingt
Reiße aus mir heraus, alles was ich bringen kann
Dann wirst Du erfahren, wie meine Liebe klingt

Die reinsten Töne, die verschieden sind
Dein Gewissen zerstückelnd, Glied um Glied
Oder rauh und verwirrt und dennoch voller Frieden sind
Und wenn sie schweigt, ist das auch ein Lied

Lindere den Schmerz mit nichts, was nicht echt ist
Unterscheide bitte nicht zwischen gut und schlecht
Frag nicht zuerst, ob Dein DU mir wirklich recht ist
Verfremdend intim sei es bitte wie ein Brecht!

Doch Achtung! Nach dem ich ganz geschiefert bin
Erstarke ich neu unter den Geistern, die ich rief
Und packe Dich hart, weil ich dann ganz geliefert bin
Und liebe Dich fürchterlich schwer und fürchterlich tief.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung.

DAS UNSICHTBARE

Die Rose im Garten
Unter liebevoller Pflegerhand
Die Rose im Wald
In vernachlässigster Ecke im Land
Beide werden wachsen und gedeihen
Das Unsichtbare wird beiden Flügeln verleihen

Das Mädchen der Stadt
Das Mädel vom Land
Beiden haftet gleich
Stark und tief und weich
Der unsichtbaren Weiblichkeit Hand
Und Herz in Sein und bei Tat.

Ihr dürft den Drang nie unterdrücken
Nach Innen und nach Oben zu blicken.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

WIEDERDAHEIM

Lange Fahrt
Bangen hart
Wangen zart
Fangart der Liebe:
Die Erwartung fächeln.
Klangart der Liebe:
Lautlose Lächeln.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung