Ich habe Afrika in Afrika verloren und in Europa wieder gefunden. In mir. Europa fand ich nie. Wie eine Geschichte, die immer weiter erzählt wird doch niemals so existierte. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
von Orten und Zeiten und Gefühlslagen
TEL AVIV
Palmen wehen wedeln winken im Wind tauchen in der Ferne auf Psalmen singen ringen klingen in meinem Herzen drin tauchen aus einer Erinnerung aus an die ich mich nicht erinnern kann. Ich suche mein Gedächtnis gründlich ab wandle wie in einer Wüste mit Wanderstab von einem zum nächsten leeren Grab… Der Geist wanderte aus ihnen schon lange aus; kehrt er zurück, angezogen, dann als neuer Mann. Die Straßen Tel Avivs sehen aus wie die Straßen von Hunderten von Großstädten der Welt, voller menschelnden Menschen in der Art von Hier und Jetzt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung




ZWISCHEN ÖSTERREICH UND DEUTSCHLAND
Ich mache seit drei Maitagen Urlaub in den Bergen in Österreich und wieder spüre ich nebenbei wie immer: wo Deutschland hart ist, ist Österreich weich, wo Österreich schwer ist, ist Deutschland leicht. Hier bin ich den Deutschen fern, doch in anderer Hinsicht dem Deutschen nah. Aus sichtbarem Fleisch und unsichtbarem Kern besteht die Frucht der Eigenart der Sehnsucht. Was brodelt in diesem Drang nach Mehr? Mehr Heimat doch mehr Fremde und mehr von dem Pendeln da zwischen hin und her wie Schaukeln zwischen Polen des Verlangens, Widerhall zwischen Herz und Hand, Ferngespräche zwischen Südbergen und Nordseen, Autofahrten zwischen Österreich und Deutschland. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BAUCHGEFÜHLE
Irgendwas wächst in meinem Bauch Da ich weder schwanger bin noch mich krank fühl Bleibt nur die eine Schlussfolgerung: Es wächst in mir ein Bauchgefühl. Eine gewisse Ungewissheit - Oder eine ungewisse Gewissheit? Denn das etwas ist, das weiß ich gewiss, Nur ist das genaue Wissen etwas ungewiss. Dieses Warten auf Bestätigung Und, manchmal, Hoffen auf Widerlegung… Schweigen war immer mein bester Freund Und riet stets leise zur Vorbereitung. Auf Veränderung, denn Menschen ändern sich; Auf Wiederholung, denn Menschen bleiben gleich; Weißt Du noch, als ich Dein Bauchgefühl war: Und eroberte tatsächlich wie befürchtet Dein Reich. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MITTAGSPAUSE
Auf die Schnelle hole ich mir ein Stück Langsamkeit aus der Mittagspause heraus - Eine Stunde ausgedehnt durch Insichgehen. Ein verinnerlichter Moment in der Ferne ist wie eine Ewigkeit Zuhaus. Aus dem Fenster schauend betrachte ich das Vollenden des Waldes Belaubung in seiner Unaufhaltsamkeit. Lang lebe das Wachsen Lang lebe das Reifen Lang lebe die Langsamkeit. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FERNE SIRENEN
In der Dichtung wirkt Magie, denn kindliche Poesie umgeht die schwer analysierende Energie kopfgenagelter Akademie, die zersägt und verdreht. Klug. Die Menschheit ist so klug. Zu klug für Einfachheit. Der Verstand ist sich selbst genug, doch niemals genug für den Höhenflug innig feinster Innerlichkeit. Manchmal nach beendetem Gedicht starre ich aus dem Fenster. Heute sehe ich Toronto‘s Gesicht, leise Hochhäuser im milden Sonnenlicht und ferne Sirenen wie Gespenster. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SPANIEN UND DER LEICHTIGKEIT TIEFE
Spanien ich höre Dich Du sprichst von meiner Sehnsucht nach der Leichtigkeit Tiefe - als hättest Du nach mir gesucht als ich nach Dir rief. Spanien ich rieche Dich Du riechst nach meiner Erinnerung an einen unerfüllten Wunsch - als wäre der Wunsch bereits erfüllt in der Erinnerung an ihn. Und Spanien ich sehe Dich Du siehst aus wie eine alte Dame wiedergeboren als hübsches Mädchen - in jedem frohen Lächeln eine Weisheit, die Schmerz und Verlust versteht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UHRZEIGER-SINN
Hörst Du den Tanz des Uhrzeigers?
Halb elf abends
trabend trabend
Die ganze Nacht hört zu, hypnotisiert.
Hörst Du Rap des Uhrzeigers?
Dreiundzwanziguhrfünfzehn
Mal mit mal gegen das korrupte System
Wie schön er rundum philosophiert.
Hörst Du das Trommeln des Uhrzeigers?
Halbe Stunde vor Mitternacht
Treu seinem eigenen inneren Takt
Ob gelobt oder kritisiert.
So will ich auch gehört werden
Im Schritt mit dem Zeitgeist, vorwärts.
Mein Herz schlagend für meine Taten
Meine Taten sprechend für mein Herz.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WIEDER HOLUNG
Ein Tag, so kurz,
ist größer
als die meisten Menschen wissen
Mein ganzes Leben
spielt sich jeden Tag im Kreise ab
Ich erlebe es in meinem Empfinden
und Gewissen
Die fehlenden Lächeln, blicklos –
Die Vorurteile, wortlos –
Die endlose Liebe zu den unmöglichsten Menschen
und bizarrsten Dingen – und Dich
werde ich immer vermissen.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MUTTERMEER
Das Leben stieg aus dem Wasser heraus
Und machte sich auf dem Lande Zuhaus –
Und jeder See,
an dem ich sinnend steh –
Jeder Fluß,
an dem ich entlang laufen muß –
Am Meer,
am besten Strand ernst und leer –
spüre ich, wie das Leben in mir
zurück gezogen wird, Geburtsort, zu Dir.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
