NICHT DER ERSTE DEZEMBER

Ich frage mich,
wie die Natur das immer macht,
wie die Zeit das jedes Jahr schafft,
ohne Unterlass:
schneller als ich mich verändern kann,
früher als wahrgenommen und erwartet,
der Dezember ist wieder da.

Das waren keine Monate,
die ihm vorausgegangen sind…
waren keine Jahreszeiten.
Das war mein Leben,
das gelebte und das nicht gelebte,
das tief und das oberflächlich erlebte,
und es kommt nie wieder zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER REISENDE HAT ZWEI HERZEN

Immer, wenn ich in die Welt hinaus gehe
gehe ich hinein in meine Gefühle für Euch
meine Engsten, die ich jedes Mal zurücklasse –
Wie kann man ein Teil von sich zurücklassen
das er immer bei sich in sich hat?

Immer, wenn ich nach Hause zurück kehre
kehre ich zu meiner Sehnsucht nach Euch zurück
die ich jedes Mal da draußen zurück lasse:
unerforschte Wege, rufende Landungsstege,
noch nicht getroffene Freunde im fernen Land.

Wie kann man ein Teil von sich zurücklassen,
das man stets in sich hört und spürt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERLORENE KINDLICHKEIT

Am Tor ins Weihnachtsland
blieb ich stehen und wurde blind,
denn hinter der Schwelle sah ich nichts von all den Dingen, die dahinter sind.
Und ich schüttelte leicht den Kopf,
erstaunt, daß ich davon nichts mehr empfind;
denn vor langer Zeit wohnte auch ich
in jenem Land als Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE ADVENT

Nie war der Hass so widerlich
so leicht zu erkennen
als wenn er mit Lachen und Lächeln
sich plump zu verschleiern suchte

Nie war die Liebe so tief
so schwer zu erkennen
als wenn sie mit Wahrheit und Strenge
das zarte Gute beschützte

Denn nur das innere Auge erkennt
hinter dem Seelenfenster
das Herz, in dem der wahre Advent
wie eine kleine warme Kerze
ruhig und lautlos brennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEICHT

Leichter als ein
und aus
atmen
Leichter als aus
rutschen und hin
fallen

Leichter als Augenlider
öffnen und schließen
Leichter als vergessen
und erinnern

Nichts ist leichter als die Gefühle
eines anderen unabsichtlich und
irreparabel zu verletzen.

Leichter als gedacht,
schwer gemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERWARTUNG

So lang im Warten gelebt
Es ist mehr als Warten
Es ist Wartung

Denn es ist eine Mischung
aus Schmerz und Wachstum
und Erwartung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERBSTGESPÜR

Manch eine Wand war eine Tür
Manch eine Zukunft war schon längst hier
Desinteresse ist das Gesicht von Gier
Achte nur auf Dein Gespür.

Nur der Herbst ist ehrlich
Er zeigt Dir, wie vergänglich
die Schönheit ist..
dann zeigt er sich, wie er wirklich ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLEIN

Du wohnst seit jeher
in der unmittelbaren Nähe
der vollen Leere

Dennoch hörst Du sie nicht.
Du sehnst Dich
stattdessen nach dem Nichts

Denn alles ist nichts
wenn Du schon alleine bist
wie ein königlicher Baum in der Wildnis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STADTTEILE

Wie Geheimnisse aufsteigend
aus dem Mutterleib des Ozeans
tauchen plötzlich
aus der Tiefe der Stadt
neue Menschen auf ihrer Oberfläche auf.

Auf einmal wohne ich
in einer völlig neuen Welt
und mußte dafür nicht einmal
die Stadtgrenze überqueren –
Die ganze Welt wohnt halt in einer Weltstadt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUG GEN SÜD

Flogen die Küste entlang
Dann zogen über die Berge
Und weit weit unter uns
just über den Bergspitzen
lagerte sich die Wolkenmasse,
der Erde eine Decke,
dem Himmel ein Teppich.

Dann kamen die Häuser
emsige Tausendfüssler
schmiegten sich an die Küste
mit Sehnsucht nach dem Mittelmeer,
ihrer Mutter, über die wir jetzt zogen,
in ihre offene Weite eindrangen
und flogen weiter südlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung