Hast Du dieses Jahr irgendjemandem Deine Wahrheit gesagt? Irgendjemanden nach seiner Wahrheit gefragt? Bald geht das Jahr zu Ende. Was habe ich gelernt? Es ist schwer, das Höchste auszuleben; denn es ist schwerer, daß Du falsch lagst zuzugeben als dran zu halten bis zum Ende. Demut. Ein kleines Wort, ein hoher Berg. Erst auf der anderen Seite dieses Bergs erwartet uns, uns zum Geleite, das Wissen zur wahren Zeitenwende. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
zum Nachdenken
AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (2)
Generationen - Gegossen in die Abzweigung sich widersprechender Nationen. Gefangen im Scheinwerferlicht der Ent-Scheidung. Gemischte Rassen - im Blut und/oder im Kopf vermischt. Beidseitig lieben, was beide Seiten hassen. In Euch ist mein Licht, das niemals erlischt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNIFORMEN
Die Uniformen Verdecken die Unterschiede lang genug Bringen ihre Träger einander nah genug Um die Unterschiede klar genug zu sehen Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen Hinter den Normen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WEIHE NACHT, NACHGEDACHT
Wenn die letzte Stimme verhallt ist, Wenn die letzte Glocke schweigt, Wenn das letzte Lächeln gemalt ist, Wenn der letzte Mitreisende aussteigt… Wenn die Heiterkeit gestanden schmeckt, Wenn die Freundlichkeit hohl wird, Wenn das, was sich dahinter versteckt, Seine wahre Absicht endlich erklärt… Ich hab‘s viel zu häufig erlebt - Menschen, die vertraulich näher kommen, Und haben dabei nur darnach gestrebt, sich selbst zu finden, mich ausgenommen. Ist das schlecht? Wahrscheinlich nicht. Weniger zu finden ist besser als gar nichts. Doch mich schmerzt es, mit schweigendem Gesicht Sie gehen zu lassen ohne mein wahres Gedicht. Der Widerspruch liegt in der Tatsache, Dass dies überhaupt gesagt werden muss: Das Höchstwertige hält schweigsam Wache, Ungesehen, ungehört, kein Wink, kein Gruß. Jedes Jahr kommt Weihnachten erneut, Steht beiseite, allein, beobachtet bei gross und klein Wie der Mensch sich beschenkt, feiert und freut, Dann geht es wieder ohne verstanden worden zu sein. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HIER, JETZT, IN DER GEGENWART
Der größter Streich der Zukunft Besteht darin, uns glauben zu lassen, Sie befindet sich in der Zukunft, Obwohl sie hier ist, jetzt, in der Gegenwart. Die größte Tarnung der Vergangenheit Ist eben das Antäuschen des Vergangen-seins. Sie ist aber hier, jetzt, in der Gegenwart; Sie ist nicht in der Vergangenheit zurück geblieben. Denn Zeit existiert nur einmalig Und zwar hier, jetzt, in der Gegenwart. Was ich heute habe, in diesem Moment, Ist alles, was ich habe. Und hier, jetzt, in der Gegenwart Ist dieser Gedanke, Hülle einer Empfindung, Ist dieses Gedicht, Ausdruck einer Erkenntnis, Ist dieser Mensch, Träger eines ewigen Dranges. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BAHNHOFSVIERTEL 1
Eine Wechselstube am Hauptbahnhof Der bedrückend foulste Gestank trat ein Alle Kunden drehten sich erschrocken um Starrten irritiert murmelnd die Quelle an Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase Ein Araber drückte die Hand vor die Nase Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase Der Verursacher des üblen Gestanks Holte etwas vom Schalter, ging wieder Er war weder weiß noch asiatisch Noch arabisch noch Schwarz Er war obdachlos. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TIEFE GEHT VERLOREN
Grüne Felder und uralte Bäume sind Nicht mehr schön genug - KI kann das alles besser abbilden. Wer braucht denn noch die echte Natur? Floskeln reichen. Sprüche und Clichés. Mit Bildbearbeitungsprogrammen Ist jeder Mann, jede Frau, wunderschön. Wer braucht denn noch die wahre Schönheit? Eitelkeit lohnt sich. Wird mit Millionen leeren Komplimenten belohnt. Immerhin Millionen. Besser sein als andere Macht uns alle schlimmer als alles andere. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ANGEFASST IST NICHT BERÜHRT
Dieser Moment danach - Alles Anfassbare angefasst Gegenseitig Und sich immer noch nicht berührt Oder gerührt Innenseitig - Gegenwärtig bleibt die seltsame Distanz Alles Fassbare noch nicht erfasst - - Nur Leere, All-Einsamkeit Unterschwellig. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINE STIMME
Der Wind stieg aus dem Meer empor lief durch den Wald erzählte dort wilde Geschichten über das Meer - Und ich sagte zum Wasser, Sei nie wieder stimmlos. Der Wind stürzte aus dem Wald heraus lief brausend durch die Stadt erzählte dort schräge Geschichten über den Wald - Und ich sagte zu Bäumen, Seid nie wieder stimmlos. Und ich schaute in den Spiegel und sah den Schmerz in meinem Gesicht und ich sagte zu mir sei nie wieder stimmlos! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MEINE GEDANKEN
Gedanken lesen tut weh Unwissenheit ist Glückseligkeit Macht ist eine Idee Schweigen ist eine Fähigkeit Kompromiss ist wie Schnee Weder Wasser noch Dampf noch Eis Macht ist ein Klischee Machtlosigkeit ist ihr echter Preis. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
