BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFE GEHT VERLOREN

Grüne Felder und uralte Bäume sind
Nicht mehr schön genug -
KI kann das alles besser abbilden.
Wer braucht denn noch die echte Natur?

Floskeln reichen. Sprüche und Clichés.
Mit Bildbearbeitungsprogrammen
Ist jeder Mann, jede Frau, wunderschön.
Wer braucht denn noch die wahre Schönheit?

Eitelkeit lohnt sich.
Wird mit Millionen leeren Komplimenten belohnt.
Immerhin Millionen. Besser sein als andere
Macht uns alle schlimmer als alles andere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANGEFASST IST NICHT BERÜHRT

Dieser Moment danach -
Alles Anfassbare angefasst
Gegenseitig
Und sich immer noch nicht berührt
Oder gerührt
Innenseitig -
Gegenwärtig bleibt die seltsame Distanz
Alles Fassbare noch nicht erfasst - -
Nur Leere, All-Einsamkeit
Unterschwellig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE STIMME

Der Wind stieg aus dem Meer empor
lief durch den Wald
erzählte dort wilde Geschichten
über das Meer -
Und ich sagte zum Wasser,
Sei nie wieder stimmlos.

Der Wind stürzte aus dem Wald heraus
lief brausend durch die Stadt
erzählte dort schräge Geschichten
über den Wald -
Und ich sagte zu Bäumen,
Seid nie wieder stimmlos.

Und ich schaute in den Spiegel
und sah den Schmerz in meinem Gesicht
und ich sagte zu mir
sei nie wieder stimmlos!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE GEDANKEN

Gedanken lesen tut weh
Unwissenheit ist Glückseligkeit
Macht ist eine Idee
Schweigen ist eine Fähigkeit
Kompromiss ist wie Schnee
Weder Wasser noch Dampf noch Eis
Macht ist ein Klischee
Machtlosigkeit ist ihr echter Preis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE PERSPEKTIVEN

Was ist Liebe?:
Mögen? Begehren?
Bewundern? Verehren?
Verbindung spüren?
Das Herz berühren?
Oder nur Triebe?

Was ist echtes Lieben?:
Geben? Schützen? Pflegen?
Wachstum anregen?
Dienen? Strenge? Lehren?
Tugenden neu ernähren,
einst vertrieben?

Wenn ich Dich liebe
Geht es um Dich
Oder geht es um mich?
Oder geht es um Teilen?
Um uns gegenseitig Heilen?
Und Perspektiven verschieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAM IST DAS DICHTEN

Einsam ist die Dichterin, der Dichter,
Ein Mensch unter tausend Gedanken.
Und Du, seine Richterin oder Richter,
denk doch zuerst an dieses Innengeflüster,
bevor Du anfängst, mit ihr oder ihm zu zanken.

Wir sind mehr als Rasse oder Farbe,
mehr als Geschlecht oder Gender,
mehr als Kultur oder Klasse
oder Behinderung, Orientierung, Bildung,
mehr als politisches Agenda.

Wir sind die Nacht, wir bergen Geheimnisse,
von denen sogar wir noch nichts wissen,
bis sie raus schlüpfen, namens Gedichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALS WÄREN SIE FREMDE

Als wären sie Fremde
blicke ich auf vier Menschen zurück,
unterschiedlich wie die vier Jahreszeiten -
jeder von meiner Vergangenheit ein Stück.

Einst kannte ich sie,
heute betrachte ich sie auf alten Bildern
und im Gedächtnis wie verstorbene Freunde -
anders kann ich das nicht schildern.

Wie die Zeit und die Welt
uns unmerklich doch sicher verändern -
Kinder wachsen, Freunde gehen,
wir finden Nähe in entfernten Ländern

und lernen leben als Fremde an deren Rändern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLEICHARTIGKEIT

Wie definiert man Gleichart?
Sind Steine und Worte gleich hart?
Sind Kinder und Pfeile, á la Kahlil Gibran,
ähnlich Wirkende im Lebensplan?
Wie erkennst Du eine Dir ähnliche Seele?
Gleiche Schmerzen oder gleiche Ziele?
So unterschiedlich Winter und Sommer sind,
so ähnlich sind Herbst und Frühling.
Auch wenn der eine die Blätter verliert,
mit denen der andere den Wald dekoriert,
färben sie beide meine Empfindungswelt
auf einer Art, die mein Gemüt erhellt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEIN IST GROSS

Nicht große Dinge verletzen,
sondern kleine.
Nicht grobe Verrate perplexen,
sondern feine.
Vertraute, die über Dich schwätzen -
schmerzlicher als Steine.
Fremde, die Dich falsch einschätzen
und Du bist alleine.

Schmal ist der Pfad, eng die Tür,
eine Wunde der Fluss, der führt zu mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung