UNSERE GEDANKEN

Meine Gedanken
Deine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
vereinigen innig sich
werden unzertrennlich
während Du und ich in unseren Leben
einander nicht kennen oder wahrnehmen.

Deine Gedanken
Meine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
treiben aneinander vorbei
spüren keinerlei Gleichart dabei
während Du und ich in unserem Leben
zusammen lebend aneinander kleben.

Ach!, die Welten die unsere Welten tief trennen!
Ach!, die Welten die unsere Welten zusammenklemmen!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE KRIEGE DAUERN NOCH AN

Die Kriege dauern noch an
Sie haben nicht gemerkt, daß es ein neues Jahr ist -
Trauernde Menschen trauern noch
Suchende Geister suchen noch weiter
Sterbende Freundschaften sind weiterhin am Sterben
Verwirrte Köpfe wurden noch nicht gescheiter
Kaputte Beziehungen sind noch kaputt
Enge Herzen wurden nach Silvester nicht breiter
Die in einem Gefühlsloch steckten,
warten immer noch auf eine Himmelsleiter
Warst Du es vorher nicht,
bist Du wahrscheinlich immer noch nicht heiter
Was nützt dem Verstand der Weg ins Neue
ohne die Empfindung als Wegbereiter?
Die Kriege dauern noch an
Sie haben nicht gemerkt, daß es ein neues Jahr ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NIE SIND MEINE GEDANKEN GEERDETER

Nie sind meine Gedanken geerdeter
Als wenn ich fliege. Nie beflügelter
Als wenn ich am Boden stehe.
Freiheit und Gebundenheit sind Verbündete
In des Lebens urältester Ehe:
Die zwischen der Ferne und der Nähe.
Der Stille ist der am meisten Getriebene.

Was bringt ein neues Jahr
Was nicht vorher bereits da war
Als selbsterzeugtes Samenkorn
Von mir ausgeworfen nach Vorn?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN SCHNEE EINEN FLUSS BERÜHRT

Wenn Schnee einen Fluss berührt
Wie Gedanken zurückgeführt
Zum Ausgangsort und -zustand
Durch der Natur unsichtbarer Hand,
Denke ich darüber nach:
Ob Meer oder See oder Bach,
Ort des Geschehens bleibt gleich,
Weiher, Fluss, Ozean oder Teich,
Eisig und hart, flüssig, durchlässig, weich,
Es ist alles das magische Wasserreich,
Wo alles stets in Bewegung bleibt,
Mit und gegen alles fließt und sich reibt,
Ständig ankommt, ständig weitertreibt -
Ne, Ort des Geschehens bleibt nimmer gleich.

Kein Gedanke kehrt unverändert zurück
Zum unveränderten Entstehungsheim.
Schlimmer oder besser geworden ein Stück
Findet sich alles wieder zusammen im Schlussreim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN VON GESTERN

Ein langer Weg trennt mich vom letzten Jahr.
Seltsam, es war ja erst gestern -
Doch die Nacht, der Schlaf, die tausend Träume
zwischen den Mitternachtsglocken und dem Morgenstern
waren eine riesengroße weitenumspannende Brücke,
ein großer steinerner Bogen, über den ich schritt
wie ein Reisender auf der Suche nach Klarheit und Glücke
von Gipfel zu Gipfel sich tapfer durchkämpft
über Täler und Schluchten und tiefe, weite Klüfte
stets die Gegenwart sucht. Gestern war vor tausend Jahren,
letztes Jahr ist vergangen. Seelenfenster auf! Ich lüfte!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMUT

Hast Du dieses Jahr
irgendjemandem
Deine Wahrheit gesagt?
Irgendjemanden
nach seiner Wahrheit gefragt?
Bald geht das Jahr zu Ende.

Was habe ich gelernt?
Es ist schwer,
das Höchste auszuleben;
denn es ist schwerer,
daß Du falsch lagst zuzugeben
als dran zu halten bis zum Ende.

Demut. Ein kleines Wort,
ein hoher Berg.
Erst auf der anderen Seite
dieses Bergs
erwartet uns, uns zum Geleite,
das Wissen zur wahren Zeitenwende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (2)

Generationen -
Gegossen in die Abzweigung
sich widersprechender Nationen.
Gefangen im Scheinwerferlicht der Ent-Scheidung.

Gemischte Rassen -
im Blut und/oder im Kopf vermischt.
Beidseitig lieben, was beide Seiten hassen.
In Euch ist mein Licht, das niemals erlischt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNIFORMEN

Die Uniformen
Verdecken die Unterschiede lang genug
Bringen ihre Träger einander nah genug
Um die Unterschiede klar genug zu sehen
Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen
Hinter den Normen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

WEIHE NACHT, NACHGEDACHT

Wenn die letzte Stimme verhallt ist,
Wenn die letzte Glocke schweigt,
Wenn das letzte Lächeln gemalt ist,
Wenn der letzte Mitreisende aussteigt…

Wenn die Heiterkeit gestanden schmeckt,
Wenn die Freundlichkeit hohl wird,
Wenn das, was sich dahinter versteckt,
Seine wahre Absicht endlich erklärt…

Ich hab‘s viel zu häufig erlebt -
Menschen, die vertraulich näher kommen,
Und haben dabei nur darnach gestrebt,
sich selbst zu finden, mich ausgenommen.

Ist das schlecht? Wahrscheinlich nicht.
Weniger zu finden ist besser als gar nichts.
Doch mich schmerzt es, mit schweigendem Gesicht
Sie gehen zu lassen ohne mein wahres Gedicht.

Der Widerspruch liegt in der Tatsache,
Dass dies überhaupt gesagt werden muss:
Das Höchstwertige hält schweigsam Wache,
Ungesehen, ungehört, kein Wink, kein Gruß.

Jedes Jahr kommt Weihnachten erneut,
Steht beiseite, allein, beobachtet bei gross und klein
Wie der Mensch sich beschenkt, feiert und freut,
Dann geht es wieder ohne verstanden worden zu sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HIER, JETZT, IN DER GEGENWART

Der größter Streich der Zukunft
Besteht darin, uns glauben zu lassen,
Sie befindet sich in der Zukunft,
Obwohl sie hier ist, jetzt, in der Gegenwart.

Die größte Tarnung der Vergangenheit
Ist eben das Antäuschen des Vergangen-seins.
Sie ist aber hier, jetzt, in der Gegenwart;
Sie ist nicht in der Vergangenheit zurück geblieben.

Denn Zeit existiert nur einmalig
Und zwar hier, jetzt, in der Gegenwart.
Was ich heute habe, in diesem Moment,
Ist alles, was ich habe.

Und hier, jetzt, in der Gegenwart
Ist dieser Gedanke, Hülle einer Empfindung,
Ist dieses Gedicht, Ausdruck einer Erkenntnis,
Ist dieser Mensch, Träger eines ewigen Dranges.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung