GROSS UND KLEIN

Große Schritte brachten mich nie so weit
Wie kleine Schritte in ihrer Einfachheit.
Große Lieben befriedigten mich nie so ganz
Wie kleine Lieben und ein bisschen Distanz.
Große Geister lehrten mich nie so viel
Wie kleine Menschen mit einem schlichten Ziel.
Große Ideen werden nur dann zur Realität,
Schenkst Du kleinen Ideen Deine Loyalität.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AM UFER EURER INNENRÄUME

Ich wiederhole Worte
in der Hoffnung,
sie werden Euch etwas erklären
unabhängig vom Gedicht,
in dem sie eingebettet sind -
Die Gedichte sind nur Fähren.
Immer wieder landet
zum Beispiel die Empfindung,
einer von vielen blinden Passagieren,
am Ufer Eurer Innenräume.
Was danach passiert, werde ich
nur in meiner Empfindung erfahren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCH MEIN DA-SEIN ALLEIN

Ich lese so viele nachdenkliche Gedanken
in den grübelnden Augen und Blicken
die an mir vorbei gehen im Büro oder zB am Main.

Sie kommen aus einer tiefen Vergangenheit,
laufen an mir in der Gegenwart vorbei,
gehen in eine für sie ungewisse Zukunft hinein.

Was habe ich getan, um so viel Nachdenken
bei Menschen auszulösen, die mich nicht kennen,
einfach nur durch mein Da-sein allein?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE MACHT DER WORTE

Unser ganzes Leben ist
ein Versuch, unseren Körper,
diese schwere Fleischlast,
unseren Gedanken und Empfindungen
hinterher zu schmeißen.

Doch alle Flugzeuge der Welt,
alle Autos, alle Züge, Fahrräder
und selbst die flinkesten Beine
schaffen es nicht, Schritt zu halten
mit dem Zug unseres Innenlebens.

Nur diese Dinge - Mund, Zunge
und die Hände - haben die Macht, annähernd
den Gedanken und Empfindungen
zu entsprechen… und zwar dann,
wenn sie Worte formen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KINDERFILME

Alles ist Deine Erinnerung. Auch die Kinderfilme Deiner kleinen Kinder, die Du damals mit ihnen geschaut hast, als das Elternteil in Dir selbst auch noch ein Kind war. Auch diese Filme werden Dich eines Tages weich und nostalgisch stimmen, wenn Deine Kinder keine Kinder mehr sind und Erinnerungen alles sind, was Ihr noch an das habt, was jetzt für immer vergangen ist.

Aus dem Zimmer schlich leise eine Filmmusik zu mir, die mich mit einem Schlag in die Vergangenheit versetzte. Überrascht ging ich hinein und sah meine 13-jährige und meinen 9-jährigen genüsslich mit ihrer Mutter „Tinkerbell“ sich anschauend. Tinkerbell?!?!, fragte ich sie verblüfft. Wieso? Sie schüttelten lächelnd mit den Schultern. Einfach so. Wir haben uns daran erinnert und hatten Lust, ihn mal wieder zu gucken.

Und ich habe mich ebenso erinnert. Ich sah eine 7-jährige und einen 3-jährigen auf einem enormen Sofa, liegend zwischen meiner Frau und mir, während wir alle den damaligen Lieblingsfilm der Kinder uns anschauten. Es war eine lange Zeitlang unser fast tägliches Familienritual.

Wo ist diese Zeit hin? So viel kann in sieben Jahren passieren. Sehr vieles hat sich verändert. Ich sehe nicht mal dasselbe aus wie damals und habe gefühlt aus einem langen Traum geschlüpft. In ein paar Wochen werden die Kinder 14 und 10 und sind mittlerweile sehr eigenständig geworden, anders. Ihre Mutter auch, wir haben uns alle stark weiterentwickelt im (Innen)leben. Ein Kapitel ist endgültig vorüber.

Und ich erkannte, daß nicht allein die Anzahl an Jahren ein Heute von einem Gestern trennt kann. Auch innerhalb weniger Jahren kann eine neue Welt entstehen, wenn Natur oder Erfahrungen Menschen verändern.

Nur eines verändert sich nicht, der innerlich flüsternde Dichter, der mir sagt: Auch heute, so banal und normal er wirkt, auch dieser heutige Tag der Erinnerung wird morgen wieder Deine nostalgische
Erinnerung sein. Nimm ihn ernst. Erlebe ihn bewusst. Speichere ihn mit Liebe und Dankbarkeit in Deinem Geiste auf. Er könnte morgen Dein nächster Kinderfilm sein.

Che Chidi Chukwumerije

ZWEI STAATEN, EIN LAND

Zwei Völker
Zwei Herzen
Zwei Sprachen
Zwei Glauben
Zwei Welten
Zwei Staaten
Ein Land.

Wer reicht, wer akzeptiert, ehrlich die Freundschaftshand?
Wann gewinnt Versöhnung beiderseits die Oberhand?
Religion ist niemals des Glückes Unterpfand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SEHR NAHE OSTEN

Die Bomben verplomben!
Aber wer kann Hassen lassen?
Der Osten ist haut Nah
Er teilt uns wie ein Keil
Unheilbar?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINS

Ich schweige
Jedes Mal
Wenn ich zum Schrift greife

Oder was denkt Ihr denn?
Ich zeig Euch mein Herz?
Einfach so?

Wenn ich es Euch zeige würde
Was hätte ich dann noch übrig
Für mich?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE NACHT IST MEINE

Die Nacht ist meine Freundin
Sie trennt sich von mir jeden Morgen
versöhnt sich mit mir wieder jeden Abend
schenkt philosophische Ohren meinen Sorgen.
Wie eine Wand, undurchdringlich
schiebt sie sie zwischen mich und gestern
macht mich bereit für die Zukunft täglich
als wären sie und meine Seele Schwestern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE EWIGKEIT

Ewigkeit - ständige Erfüllung der Gegenwart -
Wie normal Du Dich anfühlst in diesem Augenblick!
Wer könnte denken, dass Du schon überall gewesen warst,
In jeder Zeit, an jedem Ort, bei jedem einzigen Geschick?

Und überall warst Du gewöhnlich und normal,
Hast Dich genau so modern angefühlt wie hier und jetzt!
Und dennoch wiederholst Du Dich nie zweimal,
Bist in jedem Augenblick neu, unikal zusammengesetzt.

Was bist Du? Wir nennen Dich Zeit, doch Du bist zeitlos.
Wir nennen Dich Alles, doch Du bist raum- und wesenlos.
Was bist Du? Du nimmst uns mit, läßt uns aber auch los.
Mitgehen: Jedem seine Entscheidung, jedem sein Los.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung