GERISSEN

Deutschland, in Deiner Brust, wahrlich,
schlagen stets zwei Herzen -
Eins äußerlich, eins innerlich,
und beide verursachen Dir Schmerzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OBERHEMD

Der Fremde ist nicht immer fremd
Seine Haut ist nur sein Oberhemd

Der alte Freund ist manchmal fremd
Seine Haut ist bloß ein Oberhemd

Unterm Oberhemd sind Unterhemd
unter Unterhemd unter Unterhemd

Du begegnest erst unter all den Hemden
dem echten Freund oder wahrem Fremden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ICH KANN NICHT SCHLAFEN

Ich kann nicht schlafen,
mein Herz sehnt sich nach ich weiß nicht was,
nach Schöpfen und Schaffen,
nach Erleben und Wissen, aber nicht nur das;
nach Folgen und Hören und Beschützen auch
jenes kleinen, zarten, tiefen Gefühls im Bauch,
das das Richtige immer weiß, vom Zweifel keinen Hauch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REALITÄTSVERLUST

Irgendwann wird es Dir
vorkommen wie ein Mär:
Dein Glaube an die Reinheit,
an die Macht der Kindlichkeit.

Das wird der Tag sein,
an dem Dein Bewusstsein
für die einzig wahre Realität
strauchelt und verloren geht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SAG MIR DIE WAHRHEIT

Sag mir die Wahrheit -
Sie tut weniger weh, immer.
Das Fehlen von Klarheit,
nichts ist schlimmer.

Die Natur schenkt uns
einmal täglich den Tag;
ihn zu nutzen ist Lebenskunst,
ist des Geistes Auftrag.

Guten Morgen, guter Tag,
Wissensdrang ist aufgewacht,
zu erleben, was kommen mag,
denn Wissen ist Macht.

Eine Umarmung sänftigt mich;
Keine Umarmung heilt mich -
Schweigen beschäftigt mich…
Wahrhaftigkeit befreit mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

STROMWANDLER

Spürst Du auch manchmal diese Liebe,
stärker als Sucht, stärker als Triebe?
Diese überwältigende Liebe in Deiner Brust -
für was oder wen, ist Dir nicht bewußt.

Sie weckt Dich nachts zum nachdenken,
sie macht Dich Tags zum Träumenden,
sie erfasst manchmal urplötzlich Dein Herz
mit einer Druckkraft intensiver als Schmerz.

Du willst sie in Taten spenden und empfangen,
sie in allen Augen sehen, als inniges Verlangen.
Woher? Wohin? An wen, was? Wofür?
Dieses umfassende, alles hebende Gespür.

Als wären wir, unruhige Weltenwanderer,
gleichzeitig im Einsatz als Stromwandler
einer liebevollen Kraft von weit weit oben,
die sich verankern will auf irdischem Boden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG WIE NACHT

Lasst uns den Tag mit Nachtgefühlen starten,
mit Zärtlichkeit Menschlichkeit geben und erwarten,
lasst uns aus dem Leben einen schönen Traum machen,
in deren Erfüllung hinein wir sonnig erwachen.

Lasst uns die Nacht mit Tagbewusstsein erleben,
mit Ernsthaftigkeit unseren Empfindungen Raum geben,
lasst uns aus dem Schlaf ein heilsames Schöpfen machen,
aus dem wir innerlich gesund und klarer morgens aufwachen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WERDE FRÜH WACH

Wenn Dein Feind Dich erkennt
bevor Du Dich selbst kennst
ist Deine Reise zu Ende
noch vor der Wende.

Wenn Dein Herz für Wertvolleres brennt
während Du Leerem hinterher rennst
hättest Du den Weg gemieden
zur Freude und zum Frieden.

Befasse Dich früh mit dem Wesentlichen
Besinne Dich stets des Wesentlichen
Deine Zeit ist kurz und köstlich
Versagen ist untröstlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FERNE BERGE

Dinge, die einst so weit entfernt zu sein schienen,
fühlen sich heute plötzlich so nah -
Die Fähigkeit, ungeliebten Menschen zu dienen,
und denen, die ich früher übersah.

Die Kraft, den Schmerz der Enttäuschung zu ertragen,
Menschen zu vermissen wortlos,
Ungerechtigkeit hinzunehmen ohne laut zu klagen,
wenn es nichts verändern würde groß.

Die Klarheit, um als groß verehrte Menschen zu durchschauen,
und zu sehen, wie normal sie sind;
Der Drang, langsam entwickelte Vorurteile abzubauen
und zu schauen in Reinheit wie ein Kind.

Diese einschüchternden Berge, die von oben mich anstarren,
einst waren sie mir so fern:
Jetzt heute in der Morgensonne fühle ich sie um mich scharren
wie Freunde, ich umarm sie gern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HASS FÄHRT IM KREIS

Sie fahren im Kreis
und kommen da an
wo ihre Irrfahrt begann
und fahren weiter im Kreis.

Der Hass hasst den Hass
und der Hass hasst den Hass zurück.
Der Teufelskreis endet im Unglück…
und fährt weiter. Bodenloser Fass.

Bodenlose Fassungslosigkeit.
Entweihte Weihnachtszeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung.