KOMMUNIKATIONSBRUCHSTÜCKE

Wir schwiegen so lang
Das Schweigen wurde zum Gespräch
Zu unserem längsten intimsten Gespräch
Und wir sprechen immer noch
Das Sprechen wurde uns nun zum Hang

Um Mißverständnisse zu vermeiden
Da wir uns so gut verstehen und leiden
Vertiefen wir unser Gespräch
Unser prägnantes vertrautes Gespräch
Keine Kommunikationslücke erlauben

Keine Kommunikationsbrüche
Keine Kommunikationsbrücke
Kleine Kommunikationskunststücke
Des Schweigens und des Verweigerns
Aus Angst, erneut zu scheitern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ANGST VOR AUSEINANDERSETZUNGEN

Mutig ist der Krieger, der vor dem Krieg
Bereits seine sichere Niederlage sieht
Und dennoch ungetrübt in den Krieg zieht
Gefüllt von einem höheren Begriff von Sieg
Und Niederlage

Krieg des Niederen ist gegen den Anderen
Krieg des Höheren gegen sich selbst
Beweine nicht die Niederlage gegen den Anderen
Beweine die Niederlage gegen Dich selbst.
Der Tag ergibt sich der Nacht
Das ist das letzte, was er jeden Tag macht
Es ist keine Niederlage.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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DIE ANTIBLUME

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Wie eine Antiblume
Ist der Hass erneut aufgeblüht
Er wurzelt mitten im Seelenreichtum
Aller Kulturen; gedeiht; versprüht
Den Duft der Angst und Irrtümer
Und vergiftet Verstand und Gemüt.

Und blüht mit Misstrauen und Neid
Im Antiblumendreiklang
Die Diplomatie ist ihr nettes Kleid
Systeme stehen unter ihrem Zugzwang
Und – Ihr ahnt es – es folgt das Leid
Wieder, ihr Höhepunkt, ihr Abgesang.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MUT

Gefährlicher als die Gefahr selbst
Ist die Angst vor der Gefahr
Denn sie überlebt die Gefahr
Und bestätigt sich selbst

Angst vor Überfremdung
Vor Machtverweiblichung
Angst vor Veränderung im Land
Angst vor dem schwarzen Mann

Angst vor der Zukunft
Angst vor deren Schwund
Angst vor ihrer Ankunft
Mit neuer Angst in Bund

Angst vor dem Mut
Angst vor der Vergangenheit
Angst vor Freiheit
Und Angst vor dem Tod.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GESELLSCHAFT

Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –

Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –

Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern

Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSSICHT

Bricht bald
Gewalt
Über uns ein?
Bald bricht
Unter uns
Verzicht
Auf Rücksicht
Vollends ein.

Danach –
Nach Ach und Krach –
Bricht Rücksicht
Umsicht
Einsicht ein
Und Zuversicht neu
Zum Licht.

Jetzt herrscht Vorsicht
Und Unsicherheit –
Alle sind verunsichert.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEISSE WESTE

Die Lügen sind im System eingebettet
Da braucht keiner mehr extra zu lügen
Nur gewissenhaft das System durchsetzen
Wir erzählen die Wahrheit, um zu betrügen
Unser Gewissen haben wir ersetzt
Durch ein auf Papier umschriebenes Gesetz

Klar sind unsere Hände sauber
Sind sie doch bandagiert in Handschuhen
Lästig ist die Bürokratie, doch brauchbar
Wenn es darum geht, unser Wollen kund zu tun
Unser wahres Vorhaben ist Form geworden
Der Mensch schweigt, es sprechen die Behörden

Der Mensch entschuldigt sich und ist frei
Das Vergängliche ist doch nur ein Gleichnis
Die Evolution menschlicher Zivilisation schreitet fort
Das Unterentwickelte wird zum historischen Ereignis
Abgeschüttet und ungeliebt zurück gelassen
Ohne es offensichtlich direkt zu hassen.

Che Chidi Chukwumerije.

——

Das Jahr der deutschen Dichtung

UNVOLLENDET, MANN

Stark sein müssen
Ist des Mannes Fluch
Wer verzeiht denn dem schwachen Mann,
Der scheitert trotz mehrmaligem Versuch?

Sein Stolz tötet ihn doppelt
Und als wäre das nicht genug
Die Erwartungen der Gesellschaft
Schleppt er mit im Zug

Ich halte hier inne –
In seiner Dunkelkammer drinne
Sieht er alles Negative in einem anderen Sinne…

Aber er kann es keinem erklären
Ohne wie ein Bettler zu erscheinen
Er ist ein Mann, er muß weiter laufen
Und sterben auf seinen zwei Beinen.

– Che Chidi Chukwumerije

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.

SÜSs WIE OPIUM

Er steht neben meinem Bett und haucht mir seinen Atem ein. Süß wie Opium. Wer ist er? Er kommt mir bekannt vor. Ich versuche, meinen Kopf zu heben, um ihn besser zu sehen, doch meine Augenlider sind schwer wie Blei.

„Oh, bist du wach?“ fragt er, überrascht.

Ich nicke langsam.

„Wie spät ist es?“ frage ich.

Er schüttelt seinen Kopf, macht eine lockere Handbewegung.

„Es ist noch früh,“ sagt er. „Du brauchst dir keine Sorgen machen.“

Erleichtert atme ich aus und sinke tiefer in das weiche Bett hinein.

„Kuschelig, was?“ fragt er, mit einem Grinsen.

Aus meiner Kehle steigt ein Ton, der selbst mir wie das Schnurren einer Katze klingt. Meine Arme sind schwer, doch er scheint meine Gedanken gelesen zu haben. Er schiebt mir die Decke hoch bis zum Hals.

Ich merke, daß ich wieder eingeschlafen sein musste. Wie lang? Ich mache die Augen auf, er steht noch da. Wer ist er, eigentlich?

„Hast du was Schönes oder was Interessantes geträumt?“

Ich denke nach. Stimmt!

„Ja!“ sage ich. „Ich konnte tatsächlich fliegen.“

„A ha?“ Er klingt beeindruckt. „Hexenmeister, was?“

Ich lache amüsiert.

„Da war ein Tier da. Vielleicht ein Tiger. Oder… war’s eine Frau?“

„Sag’s mir.“

„Hm… ich weiß nicht mehr.“

Er steht da, bewegt sich nicht. Seine Augen wirken wie ein Hypnosemittel auf mich.

„Sag mal,“ sage ich, „Wie spät ist es jetzt? Ich habe viel zu tun heute.“

Er schüttelt seinen Kopf, macht eine lockere Handbewegung.

„Ich weiß,“ sagt er. „Du musst um 8.30Uhr bei der unbeliebten Arbeit sein. Es ist wichtig, daß du dich nicht aufregst. Du hast noch reichlich Zeit. Entspann dich, ruh dich aus.“

Er ist die Ruhe selbst. Ich lächele.

„Wie heißt du?“

„Den Namen eines Menschen zu erfahren, und wirklich zu begreifen, heißt, den Menschen richtig kennen zu lernen, seine Persönlichkeit, den Sinn seines Seins, zu verstehen.“

„Ja, das ahnte ich immer,“ sage ich, und versuche erneut, auf zu sitzen.

Er macht eine Handbewegung und mein Körper wird schwer.

„Wieso willst du jetzt schon aufstehen?“ fragt er mit einem trägen Lächeln.

„Ich habe heute echt viel auf dem Tisch.“

„Du brauchst einen klaren Kopf vor allem.“

Und ich schlaf wieder ein. Wie lang?

Als ich das dritte Mal die Augen aufmache, sitzt er auf meiner Bettkante. Sein Atem ist wie ein kühler Luftzug, es tut gut. Ich drehe mich um und er massiert mir die Schulter.

„Es ist ja für Dich nichts Neues. Du kennst das alles schon.”

Ich atme aus.

„Ja schon,“ antworte ich.

„Dachte ich mir,“ sagt er, „Sonst wäre ich wohl nicht hier.“

Ich seufze. Wenn ich nur dieses Job wechseln könnte.

„Es wird schon alles gut,“ sagt er.

„Wie spät ist es nun?“ seufze ich. „Ich muss nun echt endlich langsam aufstehen.“

„Wieso?“ fragt er. „Das verstehe ich nicht. Es ist doch noch so früh.“

Ich drehe meinen Kopf zum Fenster, wo ich hinter dem Vorhang das Tageslicht klar sehen kann. Ein leichter Anflug von Panik kriecht in mir hoch.

Ich drehe mich um und schiebe mich auf meine Ellenbogen.

„Aber nun! Das reicht jetzt.“

Er steht langsam auf und sieht mich spöttelnd an.

Durch den Nebel in meinem Kopf kämpfe ich mich heraus. Langsam werden seine Gesichtszüge immer klarer erkennbar…

Die Panik in mir steigt an.

„Wo kommst du her?!“ rufe ich. Meine Stimme klingt jetzt fester in meinen Ohren.

„Ich komme von dir. Und ich bin in dir.“

„Bitte?“

Er dreht sich um, läuft Richtung Tür.

„Wer… wer bist Du?“ stottere ich.

Zum letzten Mal dreht er sein Gesicht zu mir. Jetzt ist es deutlich zu erkennen. Mein Atem stockt in meinem Hals! Ist das nicht… mein Gesicht? Aber irgendwie anders… verbogen… ich und doch nicht ich.

„Ich…“, sagt er, “bin der Herr der Trägheit.“

Im selben Augenblick hallt die Erkenntnis in mir nach. Dann ist er verschwunden.

Ein Blitz fährt mir durch den Kopf.

Ich drehe mich zum Betttisch, nehme mein Handy in die Hand und schaue auf die Uhrzeit.

8.30 Uhr !!

Und ich liege noch im Bett.

Mist.

– Che Chidi Chukwumerije.

MUTTER UND SOHN

Im Worte Mutter liegt das Wörtchen Mut
Im Wort Versöhnung schwingt irgendwo der Begriff Sohn
Und heute habe ich den Mut gefasst
Und mich mit meiner Mutter versöhnt

Es hat Weh getan und es tat gut
Ich habe gelernt, Schmerzen auszusprechen
Statt schweigend mich abzuwenden
Ich habe gelernt, Vergebung zu geben
Und entgegen zu nehmen

Ich habe gelernt, daß sich zu entschuldigen
Nur die halbe Strecke ist –
Du musst Dich aber dann auch verändern

Ich habe gelernt, daß Rache
Ob bewußt oder unbewußt ausgeführt
Mehr schadet als sie richtet
Aber wenn wir Liebe in unseren Herzen tragen
Werden diese Schäden zu unseren Lehrern…

Und vieles kann man nicht verändern
Alles kann man nicht haben
Auf einiges muss man sich verzichten
Anderen zu liebe…

Und eine kleine Tat der Versöhnung
Kann in Einem etwas bewirken
Was seine ganze Welt verändert
Und ihn seinen Qualen entlässt…

Selbst wenn ich jetzt sterben würde
Sterbe ich mit Frieden in meinem Herzen.

– Che Chidi Chukwumerije.