Das Gedicht endete so schnell, So plötzlich, brauchte keinen Reim, Ein Leben, intensiv und hell, Bald ist der Geist wieder Daheim. Meine allergrößte Schwäche Ist die lebenslange Unfähigkeit, Zuzugeben meine größte Schwäche: Die unheilbare Einsamkeit. Kein Fremdland kann einsetzen, Was in der Heimat fehlt - Kein Fremdgang kann ersetzen, Was Dir die Ehe stehlt. Und währenddessen endet Das Gedicht insgeheim. Dein Schmerz hat Dir geblendet - Es hatte doch seinen Reim. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Leben
WAS KOMMT DANACH?
Was kommt danach? Wie sieht es aus? Ich habe es vergessen. Sicher gibt es Seen und Matten und Berge und Bäume und Menschen - Aber gibt es Palmen und Zypressen? Wenn ich mich recht erinnere gab es bei Durst Schönheit zum Trinken, und bei Hunger Wahrheit zum Essen. Ich seh einen Hain und eine Bank, vage, unscharf, aber mich dünkt‘s, ich habe dort schon mal gesessen. Ich sehe auch das Gesicht eines Menschen, er sitzt neben mir. Aber wessen Gesicht ist das? Wessen? Ein guter Freund, ich spüre es. Von vor langer langer Zeit. So lange her, ich kann es mit Verstand nicht messen. Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte, wo die Geister sich gegenseitig nur Gutes aufs Gemüt pressen. Was kommt mir nach der Erde, nach Nigeria und Deutschland, nach Biafra und Lagos und Hessen? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE BLUMEN NEBENBEI
Ich habe seit Tagen die Blumen nicht mehr gesehen. Wo sind, welche Farben haben, wie riechen sie neulich? Auch sehende Augen sind blind, wenn das Herz nur Politik und Wirtschaft, nur Arbeit, Veranstaltungen und Gesellschaft im Sinn hat und den Draht zur Kultur verloren hat und, noch tiefer, zur Natur. Das Leben gewinnt man nicht, in dem daß man innentaub am Leben vorbei schwimmt. Jedem ist wahrer Reichtum gegönnt, egal wem, der täglich die Blumen nebenbei wahrnimmt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNBÄNDIG
Lasst Euch nicht fallen - Wie die Frühlingsblumen, steht auf Es wartet eine Welt da draussen Gestern sucht Morgen. Wir sind der Staffellauf. Laufen wir also. Steht auf, steht auf! Schaut! Weit in der Ferne und noch weiter Das sind keine Sterne, das sind wir In der Zukunft, unbändige Freudenreiter Die Freuden kommen, wenn wir reiten Steht auf! Es warten auf uns neue Zeiten Aufregend. Sie wollen uns dazu anregen Sie mit Menschlichkeit zu prägen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER DRANG
Wenn ich morgens aufstehe ist alles, was ich will, der Drang - der Drang zum MACHEN. Wehe, wenn der fehlt. Schwanengesang. Nicht Geld, nicht Frau, nicht Kinder, nicht Spaß, nicht Arbeit, nicht mal Lebensziel ungenau - Allein „Drang“ ist Lebendigkeit. Drang, frag mich nicht wonach Der Drang überlässt mir die Wahl - Er erfüllt und belebt mich einfach, göttliche Mahlzeit, Rätsel, Gral. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALLE ZEIT DER WELT
Ich habe keine Zeit, die Welt zu sehen Aber ich habe Zeit, Deine Welt zu sehen Und Deine Welt ist groß genug Um meine Tage und Nächte Und Herz zu füllen So lange ich noch Zeit habe So lange ich noch ich bin, der Dich liebe So lange ich noch lebe. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
STERBEN VERWEIGERN
Fast hast Du mich umgebracht Ich überlebte Es hat Dir nicht geschmeckt, zu sehen Wie eine Empfindung mich wieder belebte Ein Gedanke: Auch ich bin jemand Auch ich bin jemand Genau so, wie ich bin. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MIT SCHMERZ LEBEN
Schmerz ist ein Muster, das unsere Herzenswände schmückt; das die grauen Nächte verschönert, die unsere leeren Tage bestätigen wollen; das das Leben versüßt, welches droht, in seiner Öde uns an unserem Sterbebett mit einem bitteren Beigeschmack enttäuscht zu verlassen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GLAUBE AN DEN WEG
Ich lebe für die Zeit nach meinem Leben,
für gewöhnlich die Zeit nach meinem Tod genannt;
So habe ich das jetzige Leben irgendwann vorbereitet
und es aus meinem Gedächtnis wohl gebannt.
Denn irgendwas in mir kennt den Weg.
Du wirst tausend Gründe hören,
warum es Armut und Leid und Krieg geben muss –
und warum keiner irgendwas dagegen tun kann –
schenk ihnen keinen Glauben, hebe Deinen Fuß
und folge der Liebe stur auf ihrem Weg.
Es ist der Weg der Solidarität,
der Weg der Nächstenliebe, der Menschlichkeit;
Machen wir die Erde licht, werden unsere Zukunftskinder
der gleichen Art sein wie ihre Vergangenheit.
Das und kein anderer ist der Weg.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SOLLEN WIR WARTEN BIS ZUR TRAUERFEIER?
Sollen wir warten bis zur Trauerfeier, um erst dann zu werden (un)endlich freier? Sollen wir‘s hinausschieben bis zur Beisetzung, um anzuerkennen innere Verletzung? Sollen wir zögern bis zum letzten Abschied, um zu teilen unserer Herzen Lied? Wir harren im Kriegen im Sehnen nach Frieden, schaffen uns Schmerz und wollen Glück schmieden. Versöhnungsversuche heute wieder nicht gestartet. Wie lange wollen wir noch warten auf ein Ende, daß auf uns nicht wartet, in einer Form, die wir nicht erwarten? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
