Wirst Du mit mir reden? Wenn ich ohne Worte Fragen stelle. Wirst Du meinen Blick erwidern? Wenn ich ohne Augen Dich anschaue. Wirst Du mich lieben? Wenn ich mit Strenge Dich behandle. Wirst Du mich in meinem Inneren erkennen? Wenn ich äußerlich auftaue. Denn der Frühling, er ist da - Das Blut singt wieder im rasenden Rausch der Wiedergeburt alter Sinnen zum Umarmen, was ich vertraue; und zum Verraten: Dein wahres Selbst zeigen, denn der Frühling ist der naive Herbst, ehrlich, noch ohne das Graue. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
2022
ZÖGERN
Es gibt immer einen Moment, wo es hätte sein können. Wenn einer zögert, verlieren zwei.
Es gibt immer eine Phase: Du unentschieden zwischen zwei Menschen. Wenn einem klar wird, gewinnen drei. Und wenn der Frühling kommt, wird der Sommer als Kind geboren. Und erneut wiederholen sich alle vier.
Wo warst Du, als Du und ich einander trafen im Was hätte sein können? Denn Du warst nicht hier.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MORGEN VIEL LEICHT
Ich spüre den Morgen in der Luft
aber er ist nirgend in Sicht,
ich finde ihn nicht.
So wie ich Dich in mir spüre
und finde Dich nicht,
meinen Sonnenschein, mein Licht.
Doch es schwebt schon der Morgenduft;
Ob aus Passion oder aus Pflicht
zeigt der Morgen täglich sein Gesicht.
Du aber schreitest nie durch die Türe
in meinem inneren Dickicht –
außer ab und zu als Gedicht.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE NACHT IST LAUT DEM LEISEN OHR
Wie viele Stimmen wohnen im Dunkeln? Die Nacht ist laut dem leisen Ohr und hell wie Tag dem sehnenden Auge; holt mich runter und hebt mich empor. In dieser Nacht reisen Kinder elternlos, fliehen vor Krieg und finden Elend. In dieser Nacht frieren Menschen, obdachlos, manche fast vollständig aufgebend. In dieser Nacht schlagen einsame Herzen, allein oder zu zweit - ist beides gleich. In dieser Nacht wachen enttäuschte Menschen und Hoffnungsvolle, wund und weich. Wir alle werden die Stimmen hören in unseren Seelen, die Nacht am Reden. Hell und laut, doch werden sie nicht stören, ein Trost für jede, ein Trost für jeden. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNTER DER HAUT
Ich mußte diesmal lang hinein hören um Dich in mir herauszuhören denn ich bin meinungsstark und laut unter meinem Schweigen über meine Haut Wer bist Du? Unter Deiner Haut. Wie viele Personen sind darunter verstaut? Darf ich da rein? Ich will nicht stören. Nur wissen, ob wir innerlich zusammengehören. Das Eindringen könnte Schichten zerstören und versteckte Gedichte heraufbeschwören. Farben haben uns die Sicht verbaut. Unter der Haut aber ist mir alles vertraut. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GLÄSERNE ICHPALÄSTE
Bild: (c) Federico Ghedini
FAST IMMER ALLEIN
Jeder ist fast immer allein
in fast jeder Menge –
Gleichart ist fast nur Schein.
Abendliche Spaziergänge
am uralten Main –
… gezogen in die Länge.
In die Ferne in den Rhein.
Hinter mir Glockenklänge –
Tiefsinnig ist das Menschensein.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS GEWICHT DES KRIEGES
Das Gewicht des Krieges,
des unerreichbaren Sieges;
die Wut der verzweifelten Raketen,
wie bei gelieferten und abgelehnten Paketen;
das Hohngelächter der steigenden Preise,
die Energieknappheit der langen Reise;
die Botschaft der besorgten Blicke,
der plötzliche Schrei umgewälzter Geschicke;
die erschreckte Sehnsucht nach Frieden,
der den Krieg naiv beobachtete beim Sieden –
Hat der Frieden selbst den Frieden gemieden??
Nichtstun und Tun sind nicht so verschieden.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NIRGENDS IST‘S SO EINSAM WIE IN EINER EHE
Nirgends ist’s so einsam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken aneinander vorbei gedacht;
Innerlich entfernt, äußerlich zusammen gelacht;
Verstehen, nicht verstanden zu sein.
Und an die Einsamkeit sich gewöhnen.
Nirgends ist‘s so zweisam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken gemeinsam durchgedacht;
miteinander geweint, aufgebaut, gelitten, gelacht;
Verstehen, tief verstanden zu sein.
Und mit der Zweisamkeit sich verwöhnen.
Nirgends ist‘s so heilsam, wie in einer Ehe.
Heilig wäre fast das richtigere Wort.
Jedem seine geheime Welt lassen. Dort,
wo er sich selbst sein kann, muß nicht verstanden sein.
Die hässlichen Seiten und die schönen.
Nirgends ist’s so verschieden wie in einer Ehe;
Auf gemeinsamem Weg unterschiedlich altern,
gemeinsam unterschiedlich stolpern,
gemeinsam lernen, daß sie unterschiedlich sind;
unterschiedlich fassen, daß sie eine Gemeinschaft sind.
Zu Zweit Geheimnisse verschweigen und horten;
unvorstellbare Erlebnisse an unvorstellbaren Orten;
Dennoch: zu zweit allein sein und allein zu zweit sich supporten;
Mit widersprüchlichsten und einfachsten Worten.
Nirgends ist‘s so seltsam wie in einer Ehe.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
AUCH SCHWARZE SIND MEHR
Schwarze haben nicht nur zu klagen.
Nicht nur Geschichte zu ertragen.
Haben auch Umgewöhnliches zu sagen.
Bei näherem Betrachten Normales.
Schwarze haben nicht nur zu feiern.
Nicht nur lustig herum zu eiern.
Haben auch Ungewöhnliches zu entschleiern.
Bei näherem Betrachten Normales.
Menschliches. Ich kann Gedanken lesen.
Augen-blicke sind Gedichte. Einfach ablesen.
Die Gesellschaft birgt unzählige Wesen.
Klischees durchbrechen ist etwas ganz Normales.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
