STARK UND SCHWACH

Unsere Schwächen so oft
sind das Stärkste in uns

Unsere Stärken so oft
sind das Schwächste in uns

Wo sie sich treffen, entsteht
das Rätsel unserer Kunst,

unserer Widersprüche und Geheimnisse,
unseres Lassens und unseres Tuns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABER WIE BIST DU INNERLICH?

Ein Künstler schuf
aus der Tiefe seines Geistes
ein besonderes schönes Kunstwerk,
das ihm Ruhm und Reichtum brachte –

Doch kaum fand er Erfolg,
setzte er sich daran, ihn zu verteidigen,
und wurde in seiner Verbissenheit
zunehmend häßlicher…

Und je schöner sein Werk wurde
in den Augen der Menschheit,
desto häßlicher wurde seine Seele,
vor allen Augen verborgen.

Von allem trennen wir uns –
unseren Geliebten, unseren Werken,
unserem irdischen Eigentum…
doch unsere Seele behalten wir bis zum Schluss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM NACHHINEIN

Wir wählen selbst unser Gefängnis
Schließen die Tür
Werfen den Schlüssel weg –
Und fangen an,
unsere Gefangenschaft zu beklagen.

Wir treffen selbst unsere Entscheidung
Gegen allen Rat
Und wenn es unumkehrbar wird,
fangen wir an
unsere Entscheidung zu hinterfragen.

Wir beschließen als Kinder Sachen,
die wir als Erwachsenen halten sollen,
wenn wir keine Kinder mehr sind
und die Dinge jetzt anders sehen –
müssen aber die Konsequenzen nun ertragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZWIESPALT

Beide veranlassen mich zu Handlungen
Die KörperKopfStimme
Und die Innere Stimme

Deshalb sage ich Dir manchmal Ja und Nein
Bleib bei mir und laß mich allein
Ich bin zerrissen zwischen Haben und Sein

In wessen Brust – ach! – wohnen nicht zwei Seelen?
Ich widerspreche mich nicht, wenn ich spreche
Jedes Wort ist wahr, denn ich bin das alles.

Aber alles das ist nicht Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA, WO DAS LACHEN BEGINNT UND STIRBT

Ich habe schon viele Menschen getötet.
Nicht körperlich.
Da, wo es weh tut, wo es wütet,
Wo die Wunde still ist und unerreichbar,
Do, wo der Schmerz unüberwindbar ist
oder zu sein scheint.
Seelisch.

Ich habe schon viele Menschen wiederbelebt.
Nicht physisch.
Da, wo das Leben beginnt, innerlich,
Beginnt als Selbstvertrauen, als Lust,
als Sehnsucht, Freude, Hoffnung, als Drang.
Geistig.

Mögen meine guten Taten meine bösen ausgleichen.

Ich wurde schon von vielen Menschen getötet
Ich wurde schon von vielen Menschen wiederbelebt
Nicht irdisch
Da, wo Menschen sich treffen,
wenn Menschen sich treffen,
im tiefsten Inneren.
Und äußerlich hat keiner was gemerkt.
Außer am Lachen und an seinem Fehlen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERÄNDERUNGEN

Heute schaute ich zurück
Wie ein Baum auf einem Hügel

Hinter mir waren mehrere Gipfel
Auf jedem Stand ein Baum

Schwer fiel es mir, zu begreifen,
daß ich mal alle diese Bäume war

Schwer fiel es mir zu begreifen,
wie Menschen sich so völlig ändern

Und dennoch kam in jedem Augenblick
Mein ehrlich wahres Selbst zum Ausdruck.

Che Chidi Chukwumerije</em>
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU-ETT

Wärest Du ein Lied,
wer hätte Dich gesungen?
Wer hätte Dich komponiert?
Wer hätte Dir Deine Melodie abgerungen,
die im Kind als Freude gejubelt,
in der Jugend von Sehnsucht bezwungen,
im Erwachsenen im Kampf gewütet,
im Greisen als Nachdenken ausgeklungen?

Duett.
Du und das Gesetz
der Wechselwirkung.
Euch ist zusammen Dein Lied gelungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA MUSST DU DURCH

Nichts schwächt
oder stärkt Dich schneller
als eine falsche Entscheidung

Dich tötet danach
sowohl das verbitterte Aufgeben
wie die befreiende Aufarbeitung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS SEHEN

Farbe verwirrt die Menschen –
So tief sitzen die widersinnigen Vorurteile,
weitergegeben von Generation zu Generation

Anhand von Farbe sehen wir alles
nur das nicht, was der Mensch wirklich ist,
versteckt unter seiner Hautfarbe.

Stell Dir vor, Du siehst einen Menschen
Aber Du siehst nicht den Menschen,
sondern seine Wirkungsart formgeworden…

Was würdest Du sehen, wenn Du mich siehst?
Was würde ich sehen, wenn ich Dich erblicke?
Jede Wette: Ganz andere Farben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE ERMORDUNG VERGESSEN

Das Ding mit Sterben ist,
daß Du es vergisst –
Irgendwann als Erwachsener
blickst Du suchend zurück
vergeblich nach dem trennenden Moment
zwischen Dir und Deinem Glück.

Dieses Rätsel wird Dich begleiten
den Rest Deines Lebens:
Wie könnte ich so leise sterben
ohne Anzeichen eines Erdbebens?
Wer oder was hat mich wann getötet?
Du suchst die Antwort … vergebens.

Das Kind starb mit seinen Erinnerungen
Der Jugendliche starb mit seinen Idealen
Der Erwachsene bleibt mit seinen Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung