UNFASSBAR

Der hauchdünne Schmerz abermals
Jedes Mal, so wie Grausilbernrauchschwaden
Ihr Gedanke vorbei streift

Ich habe den ganzen langen Sommer
Im Loch nach dem Keime umgegraben
Zu entfernen des Schmerzes Brennwurzel
Ungekrönt von Erfolg

Jetzt härtet Herbst den Boden
Bis zum Frühling wird’s noch härter werden
Unter Schnee und Eis und ungetaut
Wird überwintern abermals in mir
Ungelöscht, mein Sehnen nach ihr.

– Che Chidi Chukwumerije.

WARTESCHLEIFE

Ich saß ungesehen am Busbahnhof
Rostige Blätter starben in der Luft
Auf der letzten Reise zum Friedhof
Ich hätt sie trauriger eingestuft

Der letzte Bus ist wieder abgefahren
Letzter Kuß, letzter Wink, der Platz ist leer
Ein Schreck ist mir plötzlich eingefahren:
Was mache ich immer noch hier?

– Che Chidi Chukwumerije.

EINE SELTNE MELODIE

Eine seltne Melodie
Eine Waldfee war sie
Ein Flötenlied samt Wanderlust
Neugier und Nostalgie…

Und als sie wieder ging
Dies schlafander Schmetterling
Ward’s bittersüß in meiner Brust
Wie Neugewinn und Neuverlust.

– Che Chidi Chukwumerije.

UNSICHER

Du hast meine Wunde aufgeleckt
Und den Zeigefinger hineingesteckt
Ohne es zu wissen

Vertrautes, zu intim zu teilen
Inniges, zu unerreichbar zu heilen
Verschlossen im Gewissen

Um Ernsteres zu bewachen
Verwendet man viel Lachen
Hin und her gerissen

So lautet die Frage bei jeder Begegnung
Von Schüchternheit und Erregung:
Tschüß sagen oder küssen?

– Che Chidi Chukwumerije.

ENTWIRRUNG

Nach dem Gefecht eines dornigen Tages
Dicht an Streit, Politik, Geld und Gelten
Bleibt mir nur Feines – für manche, Vages –
Als Ausgleich aus Sepiainnenwelten

Ein paar Strähne des Dichtens
Ein Gemälde, Melodien, eine Geschichte
Parallelraum des feinfühligen Sichtens
Durch das Leichteste aller Gewichte

Töte mich, Poesie, und bring mich neu zur Welt
Seelenverliebt, verwirrt und neu geboren
Entkleide schnell, was mir tagsüber gefällt
Lass wirken, was Innen schlief, verloren.

Wozu denn dieser ganze glatte Fortschritt
Der aus uns lauter leere Hüllen macht?
Jedes Leid ist seines Glückes Schmied
Und den Tag versüßt die Nacht.

– Che Chidi Chukwumerije.

ZURÜCKWEISUNG

Papa, wo bist du?
Ich wollte doch nur einmal
Mit eigenen Augen die Welt sehen
Erforschen mein eigenes Schicksal
Nicht von dir ewig weggehen

Mama, wo bist du?
Ich wollte doch nur einmal
Dich und deine Welt kennen lernen
Allen Zweifel, alles Unwissen, allen Trübsal
Überzeugt von mir entfernen

Jetzt bin ich endlich da
Und ihr beide sichtbar verschwunden
Auf versuchte Heilung
Folgen unerwartete Wunden.

– Che Chidi Chukwumerije.

DIE WEITERREISE

Ist mit dem Tode alles aus?
Oder war der Körper doch nur ein sicheres Haus
Das, einst in sich zusammen gebrochen,
Der Bewohner rechnungtragend verlassen muss
Nach Jahrzehnten, Jahren, Monaten, Wochen…
Zum Weiterwandern alleine zu Fuss?

Wie viele Reisende pausieren gerade?
Kaum Einer schaut noch auf seiner Landkarte.

– Che Chidi Chukwumerije.

MEIN WORT

Ich werde dich lieben
Als wärest du geblieben
Das letzte Wort auf Erden

Behüten, liebkosen
Befruchten mit grossen
Subtilen Gedanken und Wünschen

Benutzen für Hohes
Benutzen für Rohes
Verschweigen mein jedes Versprechen

Aus deiner Tiefe
Schöpfen Begriffe
Und Dich widerwillig verraten.

Che Chidi Chukwumerije.

VERLANGEN

Der neue Tag ist eingebrochen
Er kann nicht länger warten
Der Regen, den ich nachts gerochen
Erfüllt ihn mit Erwarten

Du merkst, wie er sich Mühe gibt
Die Führung zu übernehmen
Merkst auch, dass ihm dies nicht gelingt
Fängt an, sich leicht zu schämen

Ein rötlich Färben streift seine Wangen
Er zittert unbewusst
Eine Gänsehaut, ein dumpfes Verlangen
Ergreift seine Brust

Denn der Regen, der die Nacht
Enthäutete wie einen Lauch
Führt weiter mit seinem Liebesakt
Er will den Tag auch.

Che Chidi Chukwumerije.

ERFÜLLUNG

Frieden in Brust
Frei von Frust
Wenn das, was Du mußt
Das ist, was Du tust.

– Che Chidi Chukwumerije