DICH WIEDERGEBEN

Eine Sprache ist nicht einfach eine Sprache
Eine Sprache ergibt sich nicht aus den Worten einer Sprache
Sondern die Worte ergeben sich aus der Sprache –

Eine Sprache ist eine Art zu sprechen
Eine Art zu sprechen ergibt sich aus einer Art zu denken
Eine Art zu denken ergibt sich aus einer Art wahrzunehmen

Eine Art wahrzunehmen ergibt sich aus einer Art zu empfinden
Eine Art zu empfinden ergibt sich aus einer Art zu leben
Eine Sprache ist also eine Art zu leben.

Dein Leben entspricht Dir…
Es spricht sich herum…
Keine zwei Menschen sprechen die genau selbe Sprache

Deine Sprache ist Deine Mutter, sie ergibt Dich…
Meine Sprache gibt mich wieder
Meine Aussprache bin ich –

– che chidi chukwumerije.

VERZEHREN

Der Genuß des Lebens
Besteht für mich darin
Die Grenzen der Reize ständig auszuweiten
Die ich ohne nach zu geben
Ertragen kann.

Was läufst Du weg von mir
Und steigerst mein Empfinden?
Gefangen zwischen Mensch und Tier
Am Sehnen und am Erblinden.

Du bietest mir körperliche Nähe an
Auf daß ich deine Seele in Ruhe lasse
Aber nein – Ich weiß, was ich will.

Was ist Zeit?
Wir haben die Ewigkeit.

Und Langsamkeit.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

GRUPPENDYNAMIK UND DER PREIS DES FREMDSEINS

Dennoch musst Du den Kopf hoch heben, oder gerade deshalb. Nur eine Option wird Dir überlassen: stark sein.

… Dich nicht definieren zu lassen von der fremden Gruppe, dessen andersartiger ergänzung-bringender Teil Du schicksal-gesteuert geworden bist, sondern Dein höchstes Menschenrecht in Anspruch zu nehmen – das Recht auf eigenständiges Denken – und die Freiheit experimentierend und suchend durch das Leben zu gehen, auf der Suche nach der neuen Menschheit, vor allem in Dir selbst – …

… Dir nicht klischeehafte Rollen geben zu lassen, sondern das eigene Wirken selbst suchend zu entfalten – …

… ist die größte Sünde, die Du begehen kannst, und wirst dafür den höchsten Preis bezahlen. Trotzdem lohnt es sich, diesen Weg zu gehen, denn das Menschsein – Dein Menschsein – ist unbezahlbar.

Kein nutzbringendes Teil tut es vielleicht aus dem Grunde weil es ihm leicht gemacht wird; sondern weil es einfach nicht anders kann, als seine Umgebung zu prägen und mitzugestalten. Das ist die Eigenart eines lebendigen Menschengeistes.

Weder Politik, noch Sport, noch Ausschweifungen, noch soziale Angelegenheiten, noch Liebesbeziehungen, noch Familie, noch Geld anhäufen, noch Trägheit, noch so viel mehr, wird Dir reichen oder den Hunger in Dir nach der Frage stillen: Was bin ich?

Und Du wirst suchen – in der Fremde und auf heimatlichem Boden – nach Etwas, das tief in Dir selbst schlummernd liegt.

Entfalte Dich, Mensch. Kokon und Schmetterling.

– Che Chidi Chukwumerije.

MENSCHENGEIST

Kann man ohne politisch zu sein trotzdem den Zeitgeist treffen, spiegeln, sogar beleben, treiben, lenken? Kann man in seinen Handlungen, auch wenn sie weder politisch noch politisch-motiviert sind, Lösungen entsprechen, die jenseits der Findungsmöglichkeit aller formellen und informellen politischen Bestreben liegen?

Das politische und politisierte Ausleben vom individuellen und Gruppen-Innenleben, so scheinbar unvermeidbar und wichtig es ist – … manchmal kommt mir vor, als fahren wir im grossen Kreis von Generation zu Generation und nennen es Fortschritt. Wir haben jedoch irgendwo drinnen in jedem von uns auch ein nicht-politisches Teil. Wir spüren es, fühlen uns aber unsicher darüber, wie und in wie weit wir es zur Geltung kommen lassen dürfen oder können. Denn die politisch-gepolten Stimmen raten uns stets davor ab. Irgendwann wissen wir dann gar nicht mehr, wie das geht.

Als ich im Internat in Lagos war, von ’85 – ’91, hatten wir Mitschüler, Muslime, aus dem fernen nigerianischen Norden. Am Anfang waren wir alle 11-jährige Kinder. Doch als wir 16, 17, wurden, in den letzten Jahren, Monaten und Semestern vor dem Schulabschluss, spürte man es. Einige von ihnen wurden irgendwann in den Ferien anders, glaubensgerecht, sozialisiert, grenzten sich unmerklich bei aller Freundlichkeit ab, sprachen häufiger mit einander in ihrer Sprache, beteten ernsthafter, reagierten empfindlich auf religiöse Themen; ‘wussten’, wer sie sind. Manche sagten trocken, sie mussten sich ja vor den ‘wiedergeborenen’ Christen Stand halten. Die Wiedergeborenen, die Born-agains. Einst waren auch sie sorgenfreie Schulkinder. Jetzt treffen sie sich abends, reden laut in Zungen und verteilen Plätze in Himmel.

Irgendwann, irgendwo, irgendwie, aus welchem Grund auch immer, wird alles politisch – Religion, Ethnie, Nationalität, Alter, Geschlecht, Ideologie, Sexualität, Bildung, ‘Rasse’, Klassengeist, Gesellschaftswesen, Gesundheitsstand, selbst Sport und Freizeitaktivitäten. Auch dann wenn es sich nicht als politische Parteien ausdrückt – denn das tut es selten. Irgendwann wird trotzdem alles zur Politik oder zum Spielball der Politik.

Da die Politik historisch mit dem Erstehen des Staatswesens oder der Gruppenbildung – welches wiederum im Zusammenhang mit Kriegsführung oder Überlebenskampf und Ausdehnungsbestreben sich bildete – ihre Seele fand, wird sie leider vermutlich immer untrennbar von Auseinandersetzungen sein. Wahrscheinlich aus diesem Grund der Versuch der Relativierung durch die Trennung in ‘gute’ und ‘schlechte’ Politik, die je nach macht-habende oder macht-anstrebende Ideologie stets anders definiert wird. Der Mensch, es wird häufig behauptet, ist einfach und grundsätzlich ein politisches Tier.

Doch in dem Augenblick, wo das System zu überhitzen oder zu überkochen droht und alles außer Kontrolle gerät, da spaltet sich die Menschheit bei den entscheidenden Lebensfragen in zwei grundunterschiedlichen Gruppen. – Die eine grabt sich noch tiefer in sein politisches Wesen hinein, greift nach dem Urgefühl seines sozio-politischen oder politico-ideologischen Verstandes zurück und sucht dadrin Halt, Schutz und Orientierung.

Die andere befreit sich Licht suchend von allen Deutungen, Hetzereien und Debatten und tastet wieder nach dem Funke der eigenen nicht-politischen Inneren Stimme, nach seinem eigenen freien und unbeeinflussten Menschengeiste.

– Che Chidi Chukwumerije.

HEUTE MORGEN

Heute morgen
Frucht meiner Sorgen
Bewegung ohne Worte beschrieben
Die jene Innenorte einst umschrieben
Wohnort meiner wahrsten Freude
Winkendes Gebäude.

Immer wieder lösen sich die Wolken, die Wellen
Die sich in mir zusammenballen, schwellen
Der Regen hält inne, dieser schwüle
Regen meiner Gedanken und Gefühle
Eine Sonne erhellt kurz diese Nacht
Ich sehe einen Lichtstrahl, der sinnend lacht.

Manchmal wirkt es wie eine Erinnerung
Manchmal wie eine erste Begegnung
Manchmal wie eine nie gebrochene Verbindung
Ich erlebe wieder das Land von Heute
Wohnort meiner wahrsten Freude
Winkendes Gebäude.

– che chidi chukwumerije.

DES SCHMERZES WEICHERER TEIL

Es ist zwanzig Minuten nach Mitternacht,
Mein Schmerz erwacht
Lehrt mich weiter, wie eine Seele lacht,
Was er begonnen hat letzte Nacht.

Die Sonne wird in sechs Stunden aufsteigen
Den Unterricht unterbrechen,
Meine Tiefsten werden wieder schweigen,
Bis die Schmerzen wieder stechen.

Die Nacht wird fallen von Sternen runter,
Der Schmerz wird weitermachen,
Der Geist wird langsam lichter, bunter,
Der Geist wird schließlich lachen.

– che chidi chukwumerije.

GRALS-GEHEIMNIS

Das Wort steigt empor
Übersteigt die Grenze aller Wortspielerei
Eine neue Erneuerung, wir stehen ihr bevor
Und wieder tiefste Anbetung; bei manchen, Träumerei

Die Welt nun voll von Herzen
Die sich sehnen, einfach nur sehnen
Die Welt voll auch von Schmerzen
Und salzigen Tränen

Nun warum weinst du, mein Herz?
Spürst du’s nicht, wonach du dich sehnst?
Warum weinst du so, Menschenherz?
Erträgst du’s nicht, wenn du dich ausdehnst?

Das Licht soll in die Erde einbrechen
Aus dem Gefäß bricht’s: Brot, Wasser und Wein
Das Licht soll dann über die Welt brechen
Und dazu sollst du auch ein Mittler sein.

– che chidi chukwumerije.

DURCHZUG

Ich habe oft den Eindruck
Der Zug redet zu mir
Von Station zu Station
Was murmelt er?

Er summt, er grollt
Er gähnt und flüstert
Mahnt und schimpft
Neckt und tröstet

Erzählt von Vergangnem
Erkläret Aktuelles
Ein Prophet ist er auch
Er kündet alles –

Vom Mensch und von Technik
Von Einsamkeit
Gruppenseelen, Einzelgängern
Ungeteiltem Leid

Von Angst und Neugier
Und jeder Art von Menschenwesen
Von Fremdsein und Fremdschämen
Und Fremd- und Fremdes-lesen

Davon, daß die Reise
Ein Ausruhen ist
Von dem, was Du tust
Wenn Du bei Dir bist

Vom Klassenunterschied
Gesellschaftsleben
Alles hat einen Preis
Daneben.

Je mehr ich zu höre
Desto weniger versteh ich
Im Kopf
Doch seelisch, geistig

Wachse ich
Auf Erden leben ist nur Dichtung
Ausstieg, ob links ob rechts
In Fahrtrichtung.

– che chidi chukwumerije.

KERN

Fern
Ist mein Kern

Fern
Wie ein Stern

Gern
Bleibt mein Kern

Fern
Wie ein Stern.

– che chidi chukwumerije.

NEUE LIEBE

Erfahrung kommt
Will meinen Sinn für Abenteuer
Meine Lust nach Neuem
Meine Bereitwilligkeit, Rufen zu folgen
Verdrängen
Mir weg nehmen

Erfahrung hat gezeigt
Niemandem ist zu trauen
Keinem Wort, keinem Versprechen
Du musst dein Herz schützen
Unbedingt

Ich zweifle in der Nacht
Selbstgespräche…
Erfahrung sagt, das Menschenherz
Wird wieder lieben
Egal, was Erfahrung sagt
Denn dazu ist es geschaffen

So grau, diese Maitage
Grüner November, träume ich?
An Schönheit kann alles Sichtbare
Übertroffen sein, träume ich

Das Fremde fühlt sich an wie zu Hause
Eine lange Reise war eine kurze Pause
Es geht wieder nach Hause
Auch da draußen

Denn es ist mir ein Blick begegnet
Wild und angespannt atmet ein Pferd
Aufgeblasener Nase
Blickt nach Links nach Rechts
Weiß nicht wie es
Reagieren soll…
Denn plötzlich ist ihm bewusst geworden,
Ich bin gefangen.

 – Che Chidi Chukwumerije.