DIE LUFT IST EMPFÄNGLICH

Düstere Gestalten laufen langsam auf dem Gehweg –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Ich möchte sie aufhalten; sie flüstern: Geh weg!
wir haben unser Eigenleben nun – nach unserem Sinn.

Lichte Gestalten schweben leise durch die Nachbarschaft –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Sie vertreiben die düsteren. Jeder Nachbar schafft
ein Teil der allgemeinen Stimmung – ganz nach seinem Sinn.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FLUGS EMPFINDEN

Ich sah aus dem Fenster heraus
Still war der Flügel
Still umrundeten wir die Kugel
Still stand am Rande der Bühne
der unerreichbare Empfindungskreis
am Ende des Tunnels –

und so langsam wie wir flogen, genau
so langsam versank er zurückgezogen
zurück in die Zukunft.
Gedanken, die uns fast einfallen
aber nie ankommen. Empfindungen,
die Empfindungen bleiben.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HELFENDE GEDANKEN

Ein Bahnhof nach dem anderen
Erschien in der dunklen Röhre
Wie Lichtblicke auf meinem Gedankengang

Beeindruckender als die Gedanken selbst
War die Tatsache, daß jemand
Diese Lichthöfe gebaut hat mit Absicht
Meinen dunklen Pfad entlang.

– Che Chidi Chukwumerije (26.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung 147C4155-1E3B-47C4-8C5E-77D9A0543604

DEZEMBERS STILLES ENDE

Wüsstest Du, daß die Einsamkeit
Ein Schutzmittel gegen sich selbst ist?
Wenn sie nah ist, ist sie weit
Wenn sie weit ist, wird sie vermisst
Von der in Dir wohnenden Einsamkeit
Denn sie vor allem braucht Gesellschaft –
Gesellschaft ehrlich, tief und wahrhaft.

Wie viele Gedanken nehmen wir
Vom alten ins neue Jahr mit rüber?
Wie viele Persönlichkeiten schälen wir
Denn die Zeiten werden immer gröber –
Welches Schutz-Ich wählen wir?
Kraft der Einsamkeit laut der Einsamkeit
Hören wir am klarsten in der stillen Einsamkeit.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GREIFBARE GEDANKEN

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die sehnsuchtsvoll
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die feindselig
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die neugierig
An Dich denken?

Was Du spürst, ist die Art und Weise
Wie leise leise und weise weise
Die Schöpfung alles hört und alles weiß
Und alles weitersagt, ohne Beweis.

Lang bevor es das Internet
Der Dinge als Erfindung
Gab, gab es das Internet
Der Gedanken und Empfindungen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE GEDANKENLESER

Einst beobachtete ich
Einen Vogel, wie er oben im Himmel
Einen zweiten traf. Wie sie mit
Einander freudig spielten.

Wie kann das sein? Der Vogel
War mein Gedanke, den ich befreite;
Wessen Gedanke war der zweite
Und was war er?

Auf einem Hügelgipfel
Auf der anderen Seite des Flusses
Stand eine Figur, wie hier ich.
Wer war sie?

Unsere Augen beobachteten
Unsere Gedanken, wie sie sich liebkosten
Aber wir waren zu weit weg voneinander
Um einander zu erkennen

Dann flogen sie weg, unsere Gedanken –
Zusammen und glücklich
Folgten sie der Richtung des Flusses
Bis sie ganz verschwunden waren.

Eine Weile blieben wir stehen
Die einsame Figur und ich
Dann schickten wir langsam wieder
Zwei Vögel in den Himmel.

Doch sie flogen an einander vorbei
Überquerten beide den Fluß;
Ihr Gedanke sank tief in meine Brust
Und meiner sachte in sie.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WIE DIE ALTEN SUNGEN

Geister gehen und kommen wieder
Wie die Strophen der Gedichte und Lieder,
Ziehen empor oder drücken nieder
Werden neu geboren und immer wieder

Wer die Geister vergangener Zeiten
Wieder treffen möchte und begleiten
Der suche nicht in vergilbten Seiten
Oder in Friedhöfen herum schreiten

Der gehe liebe in die Kindergärten
In die Schulen, Schulhöfe und Fährten
Da wo erzogen wird in Neuen hehren Werten
Findet man manchmal auch zurückgekehrten.

Jede ausgestorbene Denkensgeneration
Überspringt die 1. oder 2. Folgegeneration
Dann häufig ohne verinnerlichte Lebenslektion
Feiert unverändert ihre neue Reinkarnation.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDANKEN

Deine Gedanken waren
Dir mal fremd
Fremde Gedanken scharen
Sich um Dich –

Schickst Du einen fassbaren
Gedanken Samen aus
Halten sie sich fest und fahren
In Dich ein

Ungehört doch gespürt garen
Sie in Dir
Nehmen Einfluss auf Dein Gebaren
Und weiteres Denken.

Hör auf Dein Herz und Gewissen, Mensch
Tiefer, auf Dein geistiges Lichtempfinden –
Nicht alle Gedanken sind blind zu folgen.
Versuch, die Innere Stimme mit einzubinden.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSGEDACHT

Ich dachte, seit ich denken kann
Über die Gedanken, und darüber
Daß ich tatsächlich denken kann
Egal worüber

Und da Gedanken das einzige sind
Was wir immer von uns geben
Denken wir im Endeffekt es uns
Selbst aus: ewigen Tod oder Weiterleben

Unsere intimste Umgebung
Schneckenhaus, Haare, Schildplatt
Laub, Blumen, Früchte, der Mensch ist
Heute das bereits beschriebenes Blatt
Von morgen.

Ich weiß, was Du denkst
Du weißt, was ich denke
Nur wissen wir es beide nicht
Weil wir genau dasselbe denken:
Es ist verborgen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GEDANKENLESEN

Weißt Du, wie das ist
Wenn Du jemandes Gedanken spürst
Wie sie Dich beobachten mit List
In dem Glauben, Du schürst
Keinen Verdacht?

Die besten Schauspieler kommen am Weitesten
Sie sind aber auch zu durchschauen am Leichtesten
Nennen wir sie die verzweifeltsten
Streber nach Macht.

In Vino Veritas, und doch nicht die Weinkunde
Hilft Dir die Menschen lesen in jeder Runde
Sondern eine Menschenkenntnis, die dumm lacht.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung