VORBEI

Vorbei ist
Der letzte Augenblick
Vorbei ist
Noch nicht mein Geschick
Vorbei ist
Jede halbherzige Freundschaft
Vorbei ist
Noch nicht unsere Bekanntschaft

Dafür ist unser Bekanntschaftsgrad viel zu hoch
Tief sind wir zusammen gefangen in einem Loch

Vorbei ist
Der mich bisher führende Traum
Vorbei ist
Noch nicht sein gezeugter Baum
Vorbei ist
Der Regen samt allem Getümmel
Vorbei ist
Noch nicht der erzeugende Wolkenhimmel

Alles hat ein Ende, aber manchmal eben zwei
Denn Zu Ende heißt nicht immer gleich Vorbei

Vorbei ist
Noch nichts, dessen Anfang noch besteht
Vorbei ist
Noch nichts, dessen Ausgang noch aussteht
Vorbei ist,
Was seinen Kreis geschlossen hat
Vorbei ist
Was geschlossen wurde mit einer guten Tat.

– Che Chidi Chukwumerije.

WENN MITTEN AUF EINEM WEITEN FELD

Wenn mitten auf einem weiten Feld
Einsam ein Baum steht
Bleibt der Blick einen Augenblick lang
Auf ihn hängen in Ruhe
Denn kurz gleicht er unserer Seele
Darin verloren der Geist während
Im Kopfkino auf der Autobahn unbeherrschte Gedanken
Vorbei rasen – Aber bald verschwindet
Die Lichtung samt Feld und Baum
Schnell vergessen im Rückspiegel, das nächste Lied
Ertönt aus der CD; Bild folgt auf Bild;
Der Navi steuert dem ihm vorgegebenen Ziele stur zu.

– che chidi chukwumerije.

HEUTE MORGEN

Heute morgen
Frucht meiner Sorgen
Bewegung ohne Worte beschrieben
Die jene Innenorte einst umschrieben
Wohnort meiner wahrsten Freude
Winkendes Gebäude.

Immer wieder lösen sich die Wolken, die Wellen
Die sich in mir zusammenballen, schwellen
Der Regen hält inne, dieser schwüle
Regen meiner Gedanken und Gefühle
Eine Sonne erhellt kurz diese Nacht
Ich sehe einen Lichtstrahl, der sinnend lacht.

Manchmal wirkt es wie eine Erinnerung
Manchmal wie eine erste Begegnung
Manchmal wie eine nie gebrochene Verbindung
Ich erlebe wieder das Land von Heute
Wohnort meiner wahrsten Freude
Winkendes Gebäude.

– che chidi chukwumerije.

GRALS-GEHEIMNIS

Das Wort steigt empor
Übersteigt die Grenze aller Wortspielerei
Eine neue Erneuerung, wir stehen ihr bevor
Und wieder tiefste Anbetung; bei manchen, Träumerei

Die Welt nun voll von Herzen
Die sich sehnen, einfach nur sehnen
Die Welt voll auch von Schmerzen
Und salzigen Tränen

Nun warum weinst du, mein Herz?
Spürst du’s nicht, wonach du dich sehnst?
Warum weinst du so, Menschenherz?
Erträgst du’s nicht, wenn du dich ausdehnst?

Das Licht soll in die Erde einbrechen
Aus dem Gefäß bricht’s: Brot, Wasser und Wein
Das Licht soll dann über die Welt brechen
Und dazu sollst du auch ein Mittler sein.

– che chidi chukwumerije.

DURCHZUG

Ich habe oft den Eindruck
Der Zug redet zu mir
Von Station zu Station
Was murmelt er?

Er summt, er grollt
Er gähnt und flüstert
Mahnt und schimpft
Neckt und tröstet

Erzählt von Vergangnem
Erkläret Aktuelles
Ein Prophet ist er auch
Er kündet alles –

Vom Mensch und von Technik
Von Einsamkeit
Gruppenseelen, Einzelgängern
Ungeteiltem Leid

Von Angst und Neugier
Und jeder Art von Menschenwesen
Von Fremdsein und Fremdschämen
Und Fremd- und Fremdes-lesen

Davon, daß die Reise
Ein Ausruhen ist
Von dem, was Du tust
Wenn Du bei Dir bist

Vom Klassenunterschied
Gesellschaftsleben
Alles hat einen Preis
Daneben.

Je mehr ich zu höre
Desto weniger versteh ich
Im Kopf
Doch seelisch, geistig

Wachse ich
Auf Erden leben ist nur Dichtung
Ausstieg, ob links ob rechts
In Fahrtrichtung.

– che chidi chukwumerije.

KERN

Fern
Ist mein Kern

Fern
Wie ein Stern

Gern
Bleibt mein Kern

Fern
Wie ein Stern.

– che chidi chukwumerije.

IM GRUNDE GENOMMEN

Es gräbt im Garten ein Gärtner
Und dann, nach langem Graben,
Gräbt er im Grunde genommen aus
Seinem Sein und seinem Haben
Seine ewige Sehnsucht heraus.

Je mehr er gräbt, desto mehr findet er
Und immer tiefer wächst seine Sehnsucht –
Je mehr er schöpft, desto mehr verschwindet er
Im Grunde genommen in seiner Sehnsucht
Nach seinem Sein und seinem Haben.

Es begräbt sich im Garten ein Gärtner
Und so, nach langem Begraben,
Begräbt er im Grunde genommen in
Seinem Sein und seinem Haben
Seine ewige Sehnsucht.

Dann stieg er aus und ließ die Erde wieder hinein,
Gab Wasser und kümmerte sich nicht mehr groß darum –
Übergab alles der Natur, dem großen Gärtnerlein;
Die pflegte ihm, in ihrer Art, unermüdend, stumm,
Einen Baum gewurzelt in der unendlichen Sehnsucht –
Jetzt braucht er nur kommen und nehmen die Frucht:

Sein Haben und sein Sein
Und die unsterbliche Sehnsucht nach den Zwein.

– Che Chidi Chukwumerije.

INHALTS REICH

Ein Begriff ist eine Form –
Wenn man so denkt
Bekommt man die übergeordnete Norm
Vereinfacht und geschenkt

Sind deine Gedanken Fäden?
Sind deine Gefühle Wolken?
Treffen Worte bei Fehden
Härter wie Stein, Stahl oder Balken?

Haben Engel Schwingen
Weil sie im Gotteswillen schwingen?
Hat der Mensch keine
Weil Eigenwollen verhindert seine?

Dir ins Auge sehen heißt
In Igbo Sprache ich liebe dich
In deutscher Sicht ich achte dich
In anderer Sitte ich beanspruche Rechte über dich

Denn das Auge ist wohl allen
Das Tor ins innere Reich
Die Verbindung zum Fundamentalen –
Hier wird alles wieder gleich.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

ERWARTEN

Sie wurde bleich
Ich wurde weich
Ich war der Teich
In ihrem Reich –

So schwierig ist es nicht
Treu zu bleiben
Schwieriger ist es, zu warten
Bis das Richtige einbricht –

Schwierig ist warten
Lohnt sich aber

Sein Inhaber ist Erwarten
Du erwartest Dich aber
Nicht Du wartest auf Deine Zukunft
Sondern sie auf Dich.

Sie wurde bleich
Ich wurde weich
Ich war der Teich
In ihrem Reich.

– Che Chidi Chukwumerije.

LIEBE

Warum bin ich von der Liebe
stets heimgesucht?
Sie schlägt mich mitten im Unerwarteten,
erweckt die tiefste Sehnsucht.

Sie zerreißt mich, durchwühlt mich,
stellt mich unter ihre Macht –
Sie überrascht mich, schwächt mich, bricht mich…
gibt nie Acht

auf meine Ängste, Hoffnungen, Vorurteile,
treibt mich gnadenlos zu meinem Heile.

Du brennst, Herz,
als würdest Du gleich verbrennen
und möchtest an einem Tag
gleich alle Ewigkeit erkennen.

– Che Chidi Chukwumerije