TRANS-PARENT

Es hat eine alte Erkenntnis heute bei mir sich wieder bestätigt. 99% schaffst Du selber. Das letzte Stückchen jedoch liefert stets ein anderer. Du stellst ein Bild zusammen – und ein anderer erkennt es wieder und zeigt Dir, was das ist.

So schrieb Puzzleblume heute als Kommentar zu meinem Gedicht “Time Stands Still”:

“My sudden idea coming up with the suggested image was “trans-parent” – in Worte übertragene Sinne sind manchmal kaum zu fassen, aber erschaffen übertragbare, plakative Bilder: ein eigenartiges, schönes Phänomen.”

Und da war das Wort, der Begriff, den ich seit Monaten gesucht, empfunden und doch nicht gegriffen habe, auf einmal da. Das Wesen, gar der Geist, meiner Dichtung.

So einfach, so schön. Vielen vielen Dank!

Es gibt einen Stammbegriff, ein Urbild, einen Anfang und Ausgangspunkt, den Parent. Er lebt im Erzeugten weiter und gibt sich im Bilde wieder, das zum Schluß entsteht, dort wo der Betrachter am Ende ankommt. Er ist zugleich Anfang, Weg und Ziel; Geber, Mittler und Empfänger. Er fängt als verborgener Samen an und klärt sich auf dem Entfaltungsweg zum Gebilde.

Er klärt sich, erklärt sich nie. Er öffnet, vermittelt und zeigt sich so, wie er ist.

Er ist trans-parent.

Che Chidi Chukwumerije.


(PS – Nicht lachen, aber wie zum Teufel soll ich das jetzt auf englisch übersetzen? Ein bißchen Schwund ist immer. Englisch ist meine erste Sprache, deutsch – meine dritte –  habe ich erst mit 19 gelernt. Aber es gibt Dinge, die kann ich nur auf Deutsch richtig sagen. Das verstehen viele nicht und halten mich für strange. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag…

Ich glaube, ich nehme einfach irgendwann neuen Anlauf und drücke es in meinen anderen Sprachen auch völlig anders aus. Denn beschreiben darf ich es nicht, umschreiben noch weniger, wenn es trans-parent bleiben soll. Ein bißchen Schwund ist nimmer.)

START

SCHNEEWALD

Puderzucker auf den Fluren
Kindlich, rein, pur
Überall Tierspuren
Von Menschen keine Spur.

– Che Chidi Chukwumerije.

LICHT-SICHTUNG

Befreie dich
Von Michtung

Verkette mich
In Dichtung.

– AKA TERAKA.

MITEINANDER

Ich bin Fremder in Deutschland
Und bekomme es zu spüren
Weniger ist mehr

Doch die Da-zugehörigkeit
Sie überwiegt
Siegt.

Nie sah ich die Menschheit
Einig unter sich
Und man sagt, ich habe schon mehrmals gelebt
Seit Urzeiten mal hier
Mal dort
In vielen Menschenherzen, ewige Kultur

Immer gab es einen Grund,
Zwiezuspalten
Und das Miteinander immer wieder
Neu zu gestalten.

– Che Chidi Chukwumerije.

VOYEUR

Manchmal sitze ich vor dem
Schönen großen Smart TV und
Beobachte nicht das Programm, sondern
Die eingebaute kleine Kamera drauf

Ein IT-Techniker in Lich, der
Hat seins zugeklebt. Die können
Alles sehen, hat er mich unterrichtet
Selbst wenn sie aus ist –

Ob das stimmt, wundere ich mich
Ziehe langsam die Unterhose aus
Ich sehe ihre tausend Gedanken
Und lenke sie von meinen ab.

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHWANGER (SEHNSUCHT NACH FRÜHLING)

Du hast deine Gefühle
Neulich bei mir geliefert
Her ein fuhr, wie ein Frachter

Ein Blick von Dir – Ich
Freue mich über die Sonne
Heutzutage. Die Sonne

Im Walde. Die nackten Zweige sind
Schwanger mit ungeborenen Blättern
Frühling. Zitternd vor Freude

Lass mich ’raus
Wackelnder Schwanz
Nach oben schaut ein Hund

Er sucht einen Bund
Sein Wunsch ist gesund
Lass mich ’raus

– Che Chidi Chukwumerije

UMWANDLUNG

Wir leben, scheint es,
In Zeiten der schnellen Veränderung
Man steht morgens auf und
Erkennt sich selbst nicht mehr

Frau erfindet und findet
Sich immer und immer wieder neu
Und ist noch nicht am Ziel

Der Nachbar wird zum Fremdling
Der Feind wird zum Verbündeten
Geselligkeit zur Bedrohung
Angst zur Weisheit
Freunde zur Erinnerung –

Und lange lange Gesuchtes
Als längst verloren Verbuchtes
Auf einmal ist es endlich da.

– Che Chidi Chukwumerije.

MENSCHHEIT

Ich strauchelte denn
Der Weg war deine Sehnsucht
Und immer wenn der Drang
Die Gänge überflutete

Gab es Krieg und wir stritten uns
Über Geld, Politik und Religion, Haben und Sein
Über KulturRasseGeschlechtKlassen und Familie
Und hielten Vortrag über Empfindung

Und feierten Gott und Gottlosigkeiten
Bis dein Drang anders gestillt war
Als ehrlich Schwäche zuzulassen
Und zu lieben statt zu hassen.

– Che Chidi Chukwumerije.

DA

Rückwirkend vermagst du nicht
Zu erlangen die gesuchte Übersicht
Denn aufgepasst
Hast du nicht
In der Gegenwart als alles geschah
Deine Wünsche, allein deine Wünsche
Waren alles, was du sahst…

Ich sehe Löcher im Himmel
Einst waren es Wolken silbrig und hell
Ich sehe blasse Flecken an der Wand
Einst hingen da Fotos bestimmt
Aber ich habe die nie wahrgenommen
Und erinnere mich nicht mehr
An meine Erinnerungen –
Denn ich war nicht wirklich da.

– Che Chidi Chukwumerije.

ALLES, NUR KEIN SPIEGEL

Jahrelang schlug
Er sie, bespuckte
Sie, vor den Augen ihrer Kinder
Beschimpfte sie, auf erniedrigendster Weise
Vergewaltigte sie
Und war tief atmend König

Dann geschahen zwei Dinge
Sie verließ ihn
Und ein anderer fand sie
In der Wildnis

Jetzt sucht er schnaubend
Nach einem Schuldigen – der andere
Nach einem Untreuen – sie
Nach einem Begünstigenden – die Gesellschaft
Nach einem Verräter – falsche Freunde
Nach einem Opfer – sich selbst natürlich
Nach Mitleidenden – sein Stolz und seine Ehre
Nach einem Rächer – seine Gottheit

Er sucht überall nach allem Möglichen,
Nur nicht nach einem Spiegel.

– Che Chidi Chukwumerije.