GRÜNES MOOS

Grünes Moos
Was ist los?
Sag nicht bloß
Es wär ein Verstoß
Gegen Gesetz, Liebe, Natur
Daß Sonne und Luft
Lust, Farbe und Duft
Regung, Erregung und Aufregung pur
Mal austrocknen müssen
Nur weil dein sanftes Kissen
Bühne so vieler sanfter Küssen
Langausgezogener gefühlsvoller Tschüßen
Lieber Auf Wiedersehen und Vergehen müssen
Verhärtet ist heute

Gesetz, Liebe, Natur
Sind wie jene leute
Die wir lieben und verstehen nicht
Derentwegen unser Herz bricht
Und sich verspricht
Nie wieder zu genießen
Was wir wieder genießen müssen
Und bestimmt auf Erden
Wieder genießen werden
Im grünen Moos
Der Erde Schoß.

– Che Chidi Chukwumerije

VERSCHWEIGUNG

Ich schämte mich für sie
Und wollte ihr nicht die Maske
Vom Gesicht runter reißen

Und ich ließ ihre Lügen
Als Basis zwischen uns liegen bleiben
Auf der wir schrieben
Und schwiegen
Und nie wieder sprachen.

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHMERZ

Dieses Gefühl
Wenn Du eine Person so lange vermisst
Daß es zu einem Teil von Dir wird
Sie zu vermissen

Dann stehst Du eines Tages auf
Und vermisst sie nicht mehr
Und fühlst Dich leer
Denn ein Teil von Dir fehlt jetzt

Sonderbar
Du vermisst es
Sie zu vermissen –
Was macht ein Herz mit der Freude nun
Wenn der Schmerz alles ist
Was es kennt?

Denn ich habe mich neu verliebt.

– Che Chidi Chukwumerije.

GANZ MENSCH

Ja, ich weiß es gut,
Ich bin immer sonderbar und fremd…
Unter meinem Volk
Und unter fremdartigen Menschen auch…
Denn ich bin wieder nur ich, wie immer –

Der Abend dauert und dauert und bleibt,
Der Wanderer wandert weiter fort –
Hier oder dort, vieles ist mir egal…
Fremder bin ich nie, hier in meinem Geist.

– Che Chidi Chukwumerije

SPÜREN

Nein, nicht kristallgrün
Nachts ist mir schön
Nicht und nimmer feuerrot
Nein, denn Aussehen ist tot

Mich interessiert nicht
Was du hast in Aussicht
Einsicht allein ist mein Sehen
Das sollst du einsehen

Berühre mich nicht
Flüstere nicht. Das Licht
Ist sichtbar mit geschlossenen Augen
Und hörbar im Schweigen.

– Che Chidi Chukwumerije.

FORTFÜHREND

Als mein Bruder
Im Autounfall starb
Quälte mich der Gedanke
Nach seinem letzten bewussten Gedanken.
An was, an wen, woran, hat er zum Schluß gedacht?
Denn er war noch bei Bewusstsein
Als man ihn vom Wrack löste
Und in den Krankenwagen legte
Doch bis sie im Krankenhaus endlich ankamen
War er bereits abgeschieden, und fort.

Es gibt Tage, an denen ich erlebe
Daß die Zeit wirklich still steht
Doch der Mensch, der stets erlebt
Der ist’s, der seine Wege geht.

– Che Chidi Chukwumerije.

FEBRUAR

Ich fühle mich zu sehr geborgen
Zu viel, das Lächeln
Zu wenig, das Lachen an sich
Kein Feuer mehr. Schlafsesselige Seele.
Gift.

– Che Chidi Chukwumerije

WENDE

Der Wind weht wieder
Der sich so lange gelegt
Eine Feder fühlt sich neu bewegt
Ein Blatt, ein Herz voller Lieder

Unruhig und kurz war der Winterschlaf
Kein Schnee, kein Schweigen
Sehr wach, sehr eigen
Ein Schiff halb geankert am Haf’

Nur diese eine Nacht
Letztes Wochenende
Ein paar Schneeflocken haben gebracht
Die ganze Weltenwende.

– Che Chidi Chukwumerije.

ABEND

Schön
Wie der Schnee
Auf dem Laube liegt

Schön
Wie das Reh
Über den Schnee fliegt

Schön
Wie der Tautropf’
Zittert in der Sonne Glut

Schön
Wie dein Kopf
Auf meiner Schulter ruht.

– Che Chidi Chukwumerije

RÜCKSCHLAG

Nur eines habe ich gelernt
Du musst auf den Schlag verzichten
Denn die Kettenreaktion
Der entzieht sich niemand, auch du nicht

Die Erinnerung verfolgt mich
Jahr und Jahrzehnt um Jahr und Jahrzehnt
So früh am Lebensmorgen, kaum siebzehn
Doch verzichtete ich nicht auf den Schlag, den Rückschlag

Die Kettenreaktion, ihr entzieht sich niemand
Sie entfaltet sich in allen Richtungen
Wechselwirkung fragt nicht nach Gerechtigkeit
Alle Betroffenen sind beteiligt – auch Generationen später.

Bevor ich verschwinde, singe, gelinde, ich
Verzichte auf den Tiefschlag
Der Rückschlag wird wie eine lange Hand sein
Die alles umfasst. Lehrer. Richter. Unerbittlich –

Nur eines habe ich gelernt
Der wahre Sieg, der ist subtil; unfassbar.

– Che Chidi Chukwumerije.