UMWANDLUNG

Wir leben, scheint es,
In Zeiten der schnellen Veränderung
Man steht morgens auf und
Erkennt sich selbst nicht mehr

Frau erfindet und findet
Sich immer und immer wieder neu
Und ist noch nicht am Ziel

Der Nachbar wird zum Fremdling
Der Feind wird zum Verbündeten
Geselligkeit zur Bedrohung
Angst zur Weisheit
Freunde zur Erinnerung –

Und lange lange Gesuchtes
Als längst verloren Verbuchtes
Auf einmal ist es endlich da.

– Che Chidi Chukwumerije.

MENSCHHEIT

Ich strauchelte denn
Der Weg war deine Sehnsucht
Und immer wenn der Drang
Die Gänge überflutete

Gab es Krieg und wir stritten uns
Über Geld, Politik und Religion, Haben und Sein
Über KulturRasseGeschlechtKlassen und Familie
Und hielten Vortrag über Empfindung

Und feierten Gott und Gottlosigkeiten
Bis dein Drang anders gestillt war
Als ehrlich Schwäche zuzulassen
Und zu lieben statt zu hassen.

– Che Chidi Chukwumerije.

DA

Rückwirkend vermagst du nicht
Zu erlangen die gesuchte Übersicht
Denn aufgepasst
Hast du nicht
In der Gegenwart als alles geschah
Deine Wünsche, allein deine Wünsche
Waren alles, was du sahst…

Ich sehe Löcher im Himmel
Einst waren es Wolken silbrig und hell
Ich sehe blasse Flecken an der Wand
Einst hingen da Fotos bestimmt
Aber ich habe die nie wahrgenommen
Und erinnere mich nicht mehr
An meine Erinnerungen –
Denn ich war nicht wirklich da.

– Che Chidi Chukwumerije.

ALLES, NUR KEIN SPIEGEL

Jahrelang schlug
Er sie, bespuckte
Sie, vor den Augen ihrer Kinder
Beschimpfte sie, auf erniedrigendster Weise
Vergewaltigte sie
Und war tief atmend König

Dann geschahen zwei Dinge
Sie verließ ihn
Und ein anderer fand sie
In der Wildnis

Jetzt sucht er schnaubend
Nach einem Schuldigen – der andere
Nach einem Untreuen – sie
Nach einem Begünstigenden – die Gesellschaft
Nach einem Verräter – falsche Freunde
Nach einem Opfer – sich selbst natürlich
Nach Mitleidenden – sein Stolz und seine Ehre
Nach einem Rächer – seine Gottheit

Er sucht überall nach allem Möglichen,
Nur nicht nach einem Spiegel.

– Che Chidi Chukwumerije.

GRÜNES MOOS

Grünes Moos
Was ist los?
Sag nicht bloß
Es wär ein Verstoß
Gegen Gesetz, Liebe, Natur
Daß Sonne und Luft
Lust, Farbe und Duft
Regung, Erregung und Aufregung pur
Mal austrocknen müssen
Nur weil dein sanftes Kissen
Bühne so vieler sanfter Küssen
Langausgezogener gefühlsvoller Tschüßen
Lieber Auf Wiedersehen und Vergehen müssen
Verhärtet ist heute

Gesetz, Liebe, Natur
Sind wie jene leute
Die wir lieben und verstehen nicht
Derentwegen unser Herz bricht
Und sich verspricht
Nie wieder zu genießen
Was wir wieder genießen müssen
Und bestimmt auf Erden
Wieder genießen werden
Im grünen Moos
Der Erde Schoß.

– Che Chidi Chukwumerije

VERSCHWEIGUNG

Ich schämte mich für sie
Und wollte ihr nicht die Maske
Vom Gesicht runter reißen

Und ich ließ ihre Lügen
Als Basis zwischen uns liegen bleiben
Auf der wir schrieben
Und schwiegen
Und nie wieder sprachen.

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHMERZ

Dieses Gefühl
Wenn Du eine Person so lange vermisst
Daß es zu einem Teil von Dir wird
Sie zu vermissen

Dann stehst Du eines Tages auf
Und vermisst sie nicht mehr
Und fühlst Dich leer
Denn ein Teil von Dir fehlt jetzt

Sonderbar
Du vermisst es
Sie zu vermissen –
Was macht ein Herz mit der Freude nun
Wenn der Schmerz alles ist
Was es kennt?

Denn ich habe mich neu verliebt.

– Che Chidi Chukwumerije.

GANZ MENSCH

Ja, ich weiß es gut,
Ich bin immer sonderbar und fremd…
Unter meinem Volk
Und unter fremdartigen Menschen auch…
Denn ich bin wieder nur ich, wie immer –

Der Abend dauert und dauert und bleibt,
Der Wanderer wandert weiter fort –
Hier oder dort, vieles ist mir egal…
Fremder bin ich nie, hier in meinem Geist.

– Che Chidi Chukwumerije

SPÜREN

Nein, nicht kristallgrün
Nachts ist mir schön
Nicht und nimmer feuerrot
Nein, denn Aussehen ist tot

Mich interessiert nicht
Was du hast in Aussicht
Einsicht allein ist mein Sehen
Das sollst du einsehen

Berühre mich nicht
Flüstere nicht. Das Licht
Ist sichtbar mit geschlossenen Augen
Und hörbar im Schweigen.

– Che Chidi Chukwumerije.

FORTFÜHREND

Als mein Bruder
Im Autounfall starb
Quälte mich der Gedanke
Nach seinem letzten bewussten Gedanken.
An was, an wen, woran, hat er zum Schluß gedacht?
Denn er war noch bei Bewusstsein
Als man ihn vom Wrack löste
Und in den Krankenwagen legte
Doch bis sie im Krankenhaus endlich ankamen
War er bereits abgeschieden, und fort.

Es gibt Tage, an denen ich erlebe
Daß die Zeit wirklich still steht
Doch der Mensch, der stets erlebt
Der ist’s, der seine Wege geht.

– Che Chidi Chukwumerije.