TROTZ DEM

Raus rücken mit der Sprache
Ein Wort genügt; das Wort vergnügt
Genügt, um dich zu entlasten
Vergnügt jedoch auch dein Entlassen

Bitte. Nein, betteln wirst du nicht
Sie sollen selbst beunfriedigend entscheiden:
Du, lebend, leidend, stolz
Oder du, tot, beleidigend, stolz.

– Che Chidi Chukwumerije.

FLUSSGEFLÜSTER

Egal, wo ich waten ging
War es immer dasselbe
Nil, Niger, Yangtze
Hudson, Thames, Elbe

Die Menschen treiben hin
Verschwommen und benommen
Lauschen reflektierend
Den eigenen Phantomen

Die gaukelnden Abbilder
Sie fesseln immer gleich
Im heim’schen und im fremden
Bodenlosen Teich

Dann rinnt jeder nach Hause
Aufgelöst zurück
Im Blutbahn kreisend Hoffnung
Auf Ruhe und auf Glück.

– Che Chidi Chukwumerije.

UNFASSBAR

Der hauchdünne Schmerz abermals
Jedes Mal, so wie Grausilbernrauchschwaden
Ihr Gedanke vorbei streift

Ich habe den ganzen langen Sommer
Im Loch nach dem Keime umgegraben
Zu entfernen des Schmerzes Brennwurzel
Ungekrönt von Erfolg

Jetzt härtet Herbst den Boden
Bis zum Frühling wird’s noch härter werden
Unter Schnee und Eis und ungetaut
Wird überwintern abermals in mir
Ungelöscht, mein Sehnen nach ihr.

– Che Chidi Chukwumerije.

VERGEBUNG

Er träumte, er trank Feelichter
Aus einer Blumenschwelle
Übersprudelnd mit Lachschorle
Errötende Rosé–Dämmerhelle
Sehnflucht ergriff sein Herz
Es zuckte wie singende Schelle

Dann flog er fort wie Morgenröte
Erhellte jede grübelnde Stelle
Wo Traurigkeit ihn einst getröstet
Erweckte er eine leise Freudenwelle
Durch Vergabe geteilter Weintränen
Aus seiner neuen Sehnsucht Quelle.

– Che Chidi Chukwumerije.

WARTESCHLEIFE

Ich saß ungesehen am Busbahnhof
Rostige Blätter starben in der Luft
Auf der letzten Reise zum Friedhof
Ich hätt sie trauriger eingestuft

Der letzte Bus ist wieder abgefahren
Letzter Kuß, letzter Wink, der Platz ist leer
Ein Schreck ist mir plötzlich eingefahren:
Was mache ich immer noch hier?

– Che Chidi Chukwumerije.

EINE SELTNE MELODIE

Eine seltne Melodie
Eine Waldfee war sie
Ein Flötenlied samt Wanderlust
Neugier und Nostalgie…

Und als sie wieder ging
Dies schlafander Schmetterling
Ward’s bittersüß in meiner Brust
Wie Neugewinn und Neuverlust.

– Che Chidi Chukwumerije.

UNSICHER

Du hast meine Wunde aufgeleckt
Und den Zeigefinger hineingesteckt
Ohne es zu wissen

Vertrautes, zu intim zu teilen
Inniges, zu unerreichbar zu heilen
Verschlossen im Gewissen

Um Ernsteres zu bewachen
Verwendet man viel Lachen
Hin und her gerissen

So lautet die Frage bei jeder Begegnung
Von Schüchternheit und Erregung:
Tschüß sagen oder küssen?

– Che Chidi Chukwumerije.

ENTWIRRUNG

Nach dem Gefecht eines dornigen Tages
Dicht an Streit, Politik, Geld und Gelten
Bleibt mir nur Feines – für manche, Vages –
Als Ausgleich aus Sepiainnenwelten

Ein paar Strähne des Dichtens
Ein Gemälde, Melodien, eine Geschichte
Parallelraum des feinfühligen Sichtens
Durch das Leichteste aller Gewichte

Töte mich, Poesie, und bring mich neu zur Welt
Seelenverliebt, verwirrt und neu geboren
Entkleide schnell, was mir tagsüber gefällt
Lass wirken, was Innen schlief, verloren.

Wozu denn dieser ganze glatte Fortschritt
Der aus uns lauter leere Hüllen macht?
Jedes Leid ist seines Glückes Schmied
Und den Tag versüßt die Nacht.

– Che Chidi Chukwumerije.

ZURÜCKWEISUNG

Papa, wo bist du?
Ich wollte doch nur einmal
Mit eigenen Augen die Welt sehen
Erforschen mein eigenes Schicksal
Nicht von dir ewig weggehen

Mama, wo bist du?
Ich wollte doch nur einmal
Dich und deine Welt kennen lernen
Allen Zweifel, alles Unwissen, allen Trübsal
Überzeugt von mir entfernen

Jetzt bin ich endlich da
Und ihr beide sichtbar verschwunden
Auf versuchte Heilung
Folgen unerwartete Wunden.

– Che Chidi Chukwumerije.

DIE WEITERREISE

Ist mit dem Tode alles aus?
Oder war der Körper doch nur ein sicheres Haus
Das, einst in sich zusammen gebrochen,
Der Bewohner rechnungtragend verlassen muss
Nach Jahrzehnten, Jahren, Monaten, Wochen…
Zum Weiterwandern alleine zu Fuss?

Wie viele Reisende pausieren gerade?
Kaum Einer schaut noch auf seiner Landkarte.

– Che Chidi Chukwumerije.